Wasserschlacht auf chinesisch

Den besten Kaffee Shanghais gibt angeblich in der Yongkang Lu. In dieser Straße, mitten in der French Concession, reiht sich ein hippes Café an das nächste und es werden immer mehr. Hier kommt man hin um zu sehen und gesehen zu werden. Alles mutet sehr westlich an. Man sitzt lässig im offenen Fenster. Trinkt einen Cappucchino. Isst ein Stück Kuchen und raucht eine Zigarette. Laut wird es hier nicht. Weder tagsüber und noch viel weniger abends.

Das durften wir schon bei unserem Look-and-See-Trip im April 2019 feststellen. In unserem Reiseführer stand, dass man hier abends gut weggehen könnte. Alles was wir vorfanden, waren geschlossene Bars.

Aber das war nicht immer so. Über viele Jahre hinweg tobte hier das Leben. Alles begann damit, dass 2009 der in der Yongkang Lu ansässige Wetmarket modernen Shops weichen musste. Ebenso einflussreiche wie wohlhabende Anwohner*innen hatten sich über den Schmutz und den Gestank beschwert. Leider ging das Konzept, aus der Straße eine schicke Einkaufsmeile zu machen, aber nicht auf. Die Geschäfte liefen nicht. Also zogen nach nur drei Jahren die Geschäfte aus und Bars ein. Dieses Konzept ging auf. Nach kürzester Zeit war die Yongkang Lu der Hotspot für junge Chines*innen und Expats. Jeden Abend wurde hier gefeiert und zogen Betrunkene krakeelend durch die Straße. Sehr zum Entsetzen einiger Anwohner*innen.

Immer wieder kam es zu Zwischenfällen zwischen Anwohner*innen und Barbesucher*innen. Einer davon schaffte es sogar, international Schlagzeilen zu machen. Verzweifelte Anwohner*innen hatten aus ihren Fenstern oberhalb der Bars Wasser auf betrunkene Ausländer geschüttet. Anstatt aber die feiernde Meute zu vertreiben, lockten sie mit dieser Aktion nur noch mehr Feierwütige, aber auch Neugierige, an. Ganz ergebnislos war die Aktion aber dennoch nicht. Immerhin führte sie dazu, dass sich Barbesucher*innen nach 22:00 Uhr nicht mehr vor den Bars aufhalten durfte. Außerdem mussten die Barbesitzer*innen den Anwohner*innen eine Art „Steuer“ als Entschädigung zahlen.

Angeblich gab es jetzt insgesamt weniger Beschwerden – maximal noch an den Wochenenden. Dennoch beschloss der Bürgermeister von Xuhui im Sommer 2016, alle Bars zu schließen, die keine offizielle Ausschankgenehmigung hatten. Übrig geblieben sind nur die wenigsten. Die meisten sind umgezogen in das Found 158 in der Julu Lu. Mehr dazu an anderer Stelle.

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