Heldenhafte Ratten

Egal mit wem man in Kambodscha spricht, jede und jeder hat eine Geschichte zu erzählen, die mit der Roten Khmer zusammenhängt. Wie unser „Mr. Upgrade“, der beim Spielen in den Feldern immer wieder auf Knochen gestoßen ist. Unsere Führerin, deren Schwester nicht studieren konnte, weil die Rote Khmer damals noch an der Macht war. Jeder kennt jemanden, der oder die von den Roten Khmer umgebracht wurden.

Bedenkt man, dass die Terrorherrschaft der Roten Khmer noch nicht so lange Zeit her ist und sie noch bis 1998 im Untergrund aktiv waren, dann ist das nicht erstaunlich.

Viele Menschen müssen aber auch gar keine Geschichte erzählen, denn man sieht ihnen ihre Geschichte an. Es sind dies die Opfer von Landminen. Schätzungen zufolge liegen noch ungefähr 20 Prozent der sechs Millionen Sprengkörpern immer noch im Boden liegen und über 1.030 km² Land verseucht sind. Aber nicht nur mit Landminen, sondern auch mit anderen Sprengsätzen. Das Erbe aus drei Jahrzehnten Krieg. Der Krieg in Nachbarland Vietnam, der an den Grenzen selbstverständlich auch Auswirkungen auf Kambodscha hatte, der Krieg der Roten Khmer gegen die eigenen Landsleute, der Krieg der Vietnamesen gegen die Rote Khmer und der Bürgerkrieg, der der Niederlage der Roten Khmer folgte.

Laut des nationalen Minenunfall-Database Projektes, ist jeder 285. Mensch in Kambodscha amputiert. Das sind insgesamt zirka 40.000 Menschen – die Hälfte davon Kinder – und Kambodscha gilt damit als das Land mit den meisten Opfern von Landminen pro Einwohner. Laut des nationalen Minenunfall-Database Projektes, ist jeder 285. Mensch in Kambodscha amputiert. Viele von ihnen arbeiten als Musiker in den Tempeln der Stadt oder in den Tempeln von Angkor. Ein Gehalt beziehen sie nicht. Sie sind auf die Spenden der Touristen und Gläubigen angewiesen.

1992 begannen die Vereinten Nationen mit der Räumung der Landminen und konnten so die schier unglaubliche Zahl der monatlich Unfälle von 600 (das sind ziemlich genau 20 pro Tag!) auf 70 senken. Für die Räumung eines Minenfelds von der Größe eines Tennisplatzes brauchen die Spezialisten durchschnittlich vier Stunden. Es ist ein lebensgefährlicher Job, auch wenn heute nur noch Spezialisten räumen dürfen. Bestens ausgestattet und nur unter größten Sicherungsvorkehrungen. Erst vor wenigen Wochen sind wieder vier Räumungsspezialisten ums Leben gekommen.

Ich hatte in unserem Reiseführer von der Organisation „Apopo“ gelesen, die seit einigen Jahren mit ihren afrikanischen Ratten die Räumungsspezialisten unter anderem auch in Kambodscha unterstützen. Das wollte ich unbedingt sehen.

Die Idee, Ratten für die Suche nach Minen zu trainieren, hatte 1995 der Belgier Bart Weetjens – Industriedesigner, heute buddhistischer Mönch, und damals auf der Suche nach einer Methode, Landminen aufzuspüren. Als Rattenliebhaber und -halter hatte er eine wissenschaftliche Abhandlung darüber gelesen, dass afrikanische Ratten als Fährtensucher eingesetzt wurden. Warum sie nicht auch auf das Erschnüffeln von Sprengstoff trainieren? Es funktioniert! Auf die Tierchen ist 100 Prozent Verlass, erzählte uns unser Führer, und damit zuverlässiger als Hunde. Die Ratten haben aber noch mehr Vorteile: Mit ihren 1,5 kg Körpergewicht sind sie so leicht, dass der Sprengstoff nicht in die Luft geht, wenn sie darauf treten. Außerdem ist zwar ihre Ausbildung durchaus kostspielig, aber später in der Haltung sind sie super preiswert. Sie brauchen pro Tag lediglich zwei Bananen und ein paar Erdnüsschen.

Die Ratten werden ausschließlich in Afrika gezüchtet und auch dort ausgebildet. Um nach Kambodscha kommen zu dürfen, brauchen sie tatsächlich so etwas wie eine Arbeitserlaubnis und dafür müssen sie eine Eignungsprüfung absolvieren. Bisher hat noch keine Ratte versagt. Alle haben den Test mit Bravour bestanden.

Im Apopo Museum von Siem Reap konnten wir uns die Geschichte der Landminen und wie die Ratten diese aufspüren hautnah anschauen. Ich gebe zu, dass mir die ganze Geschichte sehr an die Nieren gegangen ist. Kaum zu glauben, was die Menschen hier alles haben ertragen und wie viele die Folgen noch immer ertragen müssen.

Wie die Ratten die Minen aufspüren, wurde uns eindrücklich von zwei Räumungsspezialisten gezeigt. Auf einem präzise abgesteckten Rechteck führten die zwei Spezialisten die Ratte an einer Leine über den Boden. Stößt die Ratte auf Sprengstoff, fängt sie an zu graben. Zur Belohnung gibt es ein Stück Banana. Die Koordinaten der Mine werden in eine Karte eingetragen und die Mine später entschärft. Für die Fläche, für die ein Mensch vier Stunden braucht, braucht eine Ratte 20 Minuten.

Weil die Ratten keine Sonne vertragen, fängt ihr Tag schon früh an, sie werden aber auch mit Sonnencreme eingecremt. Außerdem gelten strenge Arbeitsvorschriften: kurze Arbeitszeiten, längere Pausen und nach spätestens fünf Jahren geht’s in die wohlverdiente Rente, in der sie dann aber auch noch bestens versorgt werden.

Wie sehr die Kambodschaner die Ratten für diese Arbeit verehren, zeigte der Name, den sie ihnen gegeben haben. Alle nennen sie hier respektvoll HeroRATs.

Die bisher erfolgreichste Ratte, Magawa, hat es sogar in die internationale Presse geschafft. Während ihres „Berufslebens“ hatte sie über hundert Landminen aufgespürt und somit dazu beigetragen, dass insgesamt 225.000 Quadratmeter Land wieder zugänglich gemacht wurden. Dafür war Magawa 2020 als erste Ratte überhaupt mit dem höchsten britischen Tierorden ausgezeichnet worden. Vor wenigen Wochen, kurz nachdem sie in Rente gegangen war, ist sie nun verstorben.

Wer nach Siem Reap kommt, sollte dieses Museum auf jeden Fall besuchen. Meiner Meinung nach ist es ein MUSS. Denn, ja, die Tempel sind faszinierend, aber Kambodscha ist eben so viel mehr als nur diese Tempel.

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