Ich habe bisher keinen Hehl daraus gemacht, dass mich Singapur mit seinem Drang, alles zu regulieren, echt nerven kann. Aber am Mittwoch durfte ich die Vorzüge all dessen genießen und muss ganz ehrlich sagen: Das hat mir echt imponiert.
Vor sechs Wochen erzählten uns Freunde, dass sie gerade geimpft worden wären. Sie hatten sich wenige Tage vorher angemeldet und schwups hatten sie die Nadel mit dem lang ersehnten Impfstoff im Arm. Das wollten wir auch. Also haben wir uns auf der entsprechenden Webseite des Ministry of Health (MOH) angemeldet. Name, Geburtsdatum, FIN (eine Nummer, mit der hier ALLES gemacht wir) und fertig. Eine Priorisierung aufgrund von Vorerkrankungen gibt es hier nicht. Warum auch. Niemand muss hier geschützt werden. In Singapur gibt es keine Fälle. Alle Fälle, die hier gemeldet werden, kommen von außerhalb und werden an der Grenze/am Flughafen direkt abgefangen. aber, ich schweife ab.
Keine zwei Wochen nachdem wir uns angemeldet hatte, hatte mein Mann die Einladung per SMS auf seinem Handy. Ich … nichts. Drei Wochen … nichts. Die Erklärung genau so einfach wie kurz: Die Reihenfolge hier: Erst werden alle so genannten „Frontworker“, darunter Krankenhauspersonal, Polizei, Schulpersonal, Taxifahrer*innen und was noch alles dazu gehört, geimpft. Parallel dazu die Bevölkerung nach Altersklassen gestaffelt.
Mittwoch war ich dran. 10 Tagen vorher hatte ich die Nachricht erhalten, dass ich mich jetzt für einen Termin anmelden könnten. Zur Zeit wird die Gruppe der 45 – 59 Jährigen geimpft.
Über einen Link wurden mir diverse Termine in verschiedenen Impfzentren in Singapur angeboten. Manche ganz in der Nähe, aber auch nicht gleich. Andere ganz am anderen Ende von Singapur, dafür aber auch gleich am nächsten Tag. Singapur ist ja klein, alles wäre also durchaus gut erreichbar gewesen. Da ich aber gerne einen Termin in der Nähe wollte, war der nächste, den ich bekommen konnte, der 07.04. 20:00 Uhr.
Ja, Ihr lest richtig. 20:00 Uhr!!!! Und das war nicht der letzte Termin. Gefühlt wird hier rund um die Uhr geimpft.
Da ich schon etwas aufgeregt war – irgendwie machen mich Spritzen schon immer nervös – war ich überpünktlich. 19:40 Uhr stand ich kurzärmlig, das war die Vorgabe vom MOH, bereit. Die eigentliche Impfung fand im 4. Stock statt. Die Schlange fing aber schon im 2. an. Ich ärgerte mich, dass ich kein Buch dabei hatte. Weil, das könnte ja dauern! Aber noch bevor ich Luft holen konnte, löste sich die Schlange auf und ich stand im 4. Stock. Natürlich nicht, ohne nicht von mindestens 10 Personen den Weg gewiesen bekommen zu haben. So müssen sich Kühe fühlen, wenn sie zum Melken geführt werden oder Schafe zum Scheren oder Schweine zum … Egal.



Oben angekommen, musste ich einchecken, wie immer und überall hier. Egal ob Einkaufszentrum, Geschäft im Einkaufszentrum, Restaurant, Friseur, Arzt… Wieder wurde ich von einem zum anderen gereicht, damit ich auf jeden Fall nicht verloren gehen würde.
Während ich in der nächsten Schlange wartete, bekam ich ein Infoblatt zu Biontec in die Hand und mir wurden von einer von mindestens wieder 10 Helferinnen sämtliche wichtigen Fragen gestellt. Natürlich musste immer unter Angabe meiner FIN! Nachdem klar war, dass man mich impfen konnte, ging es zur Registrierung. Auch hier wieder unheimlich viele Tische mit Personal. Keine Ahnung, ob die alle dafür bezahlt werden oder ob das, wie in China, alles verpflichtete Freiwillige sind. Auf jeden Fall sind es in erster Linie junge Leute, die alle so aussahen, als hätten sie echt Spaß an der Backe.
FIN Nummer, Wohnadresse und weiter in den Wartebereich, der eigentlich nicht so bezeichnet werden darf, weil warten musste ich nicht.
Noch vor 20:00 Uhr saß ich auf dem Stuhl im Pieksbereich und hatte Biontec inside. Erst dann musste ich das erste Mal warten. Denn nach der Impfung wurden wir alle noch 30 Minuten beobachtet. Die Leute vor mir in der Reihe hatten sie wohl vergessen. Die wurden etwas unruhig, aber das war schnell geklärt. Ich kam gefühlt schneller frei als gedacht.
Ehrlich gesagt, war ich die ganze Zeit sehr gerührt. Ich finde es sehr bewegend zu sehen, wie sich so viele Menschen dafür einsetzen, dass diesem ganzen Mist ein Ende gesetzt wird. Könnt Ihr Euch an irgendein Ereignis erinnern, das die Welt so eng zusammen gebracht und uns gleichzeitig so weit voneinander entfernt hat?
Ich bin so dankbar, dass ich die erste Dosis drin habe und hoffe jetzt sehr, dass ich bald nach der zweiten nach Deutschland kommen kann und dann auch wieder ungehindert zurück nach Singapur darf. Ich vermisse meine Kinder! Und gegen einen gepflegten Abend unter Freund*innen hätte ich auch nichts. Sofern das hoffentlich bald wieder, auch in Deutschland, möglich ist.
Wie ist der Ablauf eigentlich in Deutschland? Ist eine*r von Euch schon geimpft?
Unseren Glückwunsch zu deinem Piks. Bei uns geht es jetzt auch mittlerweile etwas besser beim Impfen. Regulär sind zwar erst die Jahrgänge 78 und älter dran, aber wir konnten uns am Karsamstag zu Zweit für ein Sonderprogramm in NRW der 60 bis 80 Jahren anmelden, wenn wir bereit waren denn Astrazeneca Impfstoff zu nehmen. Dann haben wir uns auch gleich den 1. Werktag nach Ostern also einen Tag früher als bei dir zum Impfen angestellt. Auf dem leerstehenden Militärflughafen hatte man in einem Gebäude 8 Impfstraßen für den Kreis Gütersloh eingerichtet. Viel Personal war da und viel Aufklärung ähnlich wie von dir beschrieben. Doch das ganze fand auf Papier statt. Auf 6 Blatt Papier mussten wir eine ganze Menge unterschreiben und auch der Arzt musste viele Unterschriften machen. Bei uns reden viele von Nebenwirkungen aber bei uns beiden war nichts zu spüren. Dummerweise ist die 2. Impfung erst 11 Wochen später, so dass wir die Hochzeit von Tobias und Katharina im Juni im Standesamt nur mit halben Impfschutz erleben. Die Aussichten auf einen entspannten Sommer machen uns froh.
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