Die Hölle hat geschlossen

Eigentlich wollten wir uns heute die Vögelchen an der Stange anschauen, aber irgendwie haben wir morgens doch zu lange rumgegammelt und dann war es zu spät. Also haben wir beschlossen, mit dem Fahrrad eine Höllentour zu machen. Die Hölle ist nämlich gar nicht so weit von uns entfernt – mal ganz abgesehen davon, dass es bei uns gerade jeden Tag höllisch heiß ist. Wir brauchen von uns aus nur etwas mehr als 30 Minuten bis zum Eingang zu den „Zehn Höfe der Hölle“ auf dem Gelände der Haw Par Villa. Aber leider, oder doch glücklicherweise (?), hat die Hölle geschlossen. Sie öffnet erst wieder am 01.07.2021. Also wird sie noch etwas auf uns warten müssen oder wir auf sie. Aber posen kann man natürlich immer!

Weil die Hölle ganz in der Nähe des West Coast Parks ist, sind wir einfach weiter gefahren und haben uns dort etwas umgeschaut. Hatte ich Euch mal vom East Coast Park erzählt? Ich kann mich nicht erinnern. Muss mal schauen. Wenn nicht, werde ich das nachholen. Versprochen!

Der West Coast Park liegt direkt am Hafen. Teilweise so nah, dass man meint, die Containerkräne greifen zu können bzw. gleich von diesen Kränen aufgegriffen zu werden. Während der East Coast Park eher einem ewig langgezogenen Strand gleicht, ist man hier eher von Bäumen umgeben. Es scheint hier insgesamt sehr viel nasser zu sein. Schon beim Einfahren in den Park ist uns eine „Dunstwolke“ entgegen geschlagen. Ok, es hatte auch gerade geregnet und jetzt war es schon wieder bullig warm. Aber an der Vegetation kann man schon sehen, dass es hier immer etwas feuchter sein muss. Auf den Bäumen wachsen riesige Farne. An den Stämmen allerlei Kletterpflanzen. Die Wiese ist eher sumpfig. Es ist so herrlich saftig grün! Und mittendrin wieder mein mittlerweile Lieblingsbaum. An dessen Stamm Blüten wachsen, die aussehen wir Orchideen und riesige Nüsse, die aussehen wir Kokosnüsse.

Viel machen, kann man im West Coast Park nicht. Schon gar nicht, wenn es so nass ist, also sind wir wieder nach Hause. Aber nicht ohne noch an dem einen oder anderen Tempel vorbei zu schauen. Wenn wir schon nicht auf direktem Weg in die Hölle konnten, dann wollten wir doch versuchen, dem Himmel etwas näher zu kommen. Gelungen ist uns das gleich in zwei Tempeln. Der erste war die Blue Cross Charitable Institution, bzw. der Phoh Teck Siang Tngý Temple.

Blue Cross Charitable Institution (BCCI) ist 1942, während der Besetzung Singapurs durch die Japaner, gegründet worden. Zu dieser Zeit gab es in Singapur so gut wie nichts. Die gesamte Wirtschaft war lahm gelegt, die medizinische Versorgung war schlecht, es gab unzählige Obdachlose, Arbeitslose, Kranke und Tote. So ziemlich alle Hilfsorganisationen durften nicht mehr tätig sein, nur die BCCI, die damals aus fünf Tempeln bestand, durfte ihre Arbeit noch fortsetzen. Sie dienten den Menschen als Zufluchtsorte. Hier erhielten die Bedürftigen Essen und medizinische Versorgung und man sorgte hier dafür, dass nicht identifizierte Tote begraben wurden.

Aus den fünf Tempeln sind mittlerweile zehn geworden. Ihre Aufgabe hat sich kaum geändert. Noch immer kümmern sie sich um die Bedürftigen der Gesellschaft. Sie unterhält aber auch das Jenaris Home@Pelangi Village – eine Psychiatrie, die 2002 gegründet wurde und über 250 Betten verfügt.

Der Tempel selbst ist recht schlicht. Am Eingang die obligatorischen Steinlöwen und im Inneren zahlreiche goldene Gottheiten, zu deren Füßen Opfergaben liegen und Räucherstäbchen brennen.

Nur wenige Meter weiter der zweite Tempel. Der Ting Kong Tempel. Von außen erinnert er in der Machart etwas an den Eingang zur Hölle. Auch hier stehen knallbunte, große Beton (?) Figuren. Es sind sind insgesamt acht – die Acht Unsterblichen. Auch diese Figuren stehen auf einer Mauer, die aussieht wie ein künstlicher Felsen bzw. es sieht fast so aus, als würden die Figuren auf einem Surfbrett über Wellen reiten. Und siehe da, bei meinen Recherchen stoße ich darauf, dass die Figuren dieses Tempels von der Familie des Guo Nun Shan kreiert wurden – den Machern der Figuren der Haw Par Villa Figuren.

Wahrscheinlich wurde der Tempel 1923 erbaut. Das zumindest soll auf der ältesten Plakette stehen, die man im Tempel gefunden hat. Näheres weiß man nicht. Es ist ein buddhistisch/taoistischer Tempel. Mehr konnte ich leider nicht rausfinden.

Hier brennen noch mal mehr Räucherstäbchen als im vorherigen Tempel. Und sie brennen überall. Am Eingang in den großen Schalen für Rauchopfer. Sie hängen von der Decke. Sie stehen zu Füßen der diversen Gottheiten (ich durfte im Inneren des Tempels nicht fotografieren) und sie glimmen auf diversen Tischen im Inneren des Tempels fröhlich vor sich hin. Wenn ich länger dort geblieben wäre, wäre ich wahrscheinlich „stoned“ gewesen. Mit dem Fahrrad durch den verrückten Verkehr in Singapur – weder mir noch den Autofahrer*innen zuzumuten. So sind wir sicher nach Hause gekommen und haben die (etwas) kühlere Brise auf dem Balkon im 17. Stock noch mal mehr geniessen können.

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