Suche nach der Nachttopfklappe

Da waren sie wieder: meine 45 Minuten. Also die 45 Minuten, die ich gerne im Kreis fahre oder wahlweise auch laufe. Aber ich fange mal etwas weiter vorne an.

Meine Nichte Nadine und ihre Freundin Pauline sind da und natürlich will ich den beiden auch etwas von Singapur zeigen. Unter anderem die Tempel, die ich mit meinem Mann vor einiger Zeit entdeckt hatte. Also stand vergangenen Freitag Little India auf dem Plan. Aber nicht nur deswegen, denn auch ich wollte in der Gegend noch etwas Neues entdecken. Unweit von Little India ist die Middle Road und da steht das 1928 errichtete David Elias Building mit seinem Davidstern. Nicht ganz abwegig, dass früher genau hier das Zentrum der jüdischen Gemeinde Singapurs – das Mahallah Viertel – war. Ähnlich wie in Shanghai hatten sich hier Juden aus Bagdad niedergelassen. In dem Gebäude befanden sich früher die Büros von David Elias, der wiederum ein Verwandter aber auch der Schwiegersohn von Joseph Aaron Elias war. Nach diesem Elias, ein in Kalkutta geborener Jude und erfolgreicher Geschäftsmann in Singapur, ist die Elias Road in Pasir Ris (ein Stadtgebiet im Osten von Singapur) benannt.

Aber nicht nur das Gebäude ist interessant, auch die Straße selbst. Denn sie ist eine der ältesten Straßen Singapurs. Eigentlich sollte die Middle Road – die damals mitten durch die Stadt verlief – das Wohngebiet der Europäer von dem der restlichen Bevölkerung Singapurs trennen. So der Plan von Lieutenant Jackson in 1822. Die Bevölkerung Singapurs wuchs dann aber doch sehr viel mehr als gedacht und schon Ende der 1800er Jahr ließen sich hier zunächst die Juden und Anfang der 1900er Jahre auch die Japaner nieder. (Die Gebäude, die an die Japaner erinnern, zeige ich, wenn ich sie gefunden habe.)

Das David Elias Building ist aber nicht das einzige mit einem Davidstern. Einige Meter weiter steht Ellison Building. Hier muss man etwas suchen, um den Stern zu finden, aber oben am Giebel, zwischen der 19 und der 24 ist er. Das ist aber nicht das Detail, von dem ich Euch erzählen wollte. Was das Gebäude aus meiner Sicht interessant macht, ist dass seine Kuppel früher zu den höchsten Punkten in Singapur gehörte. Verrückt, oder? Wenn man bedenkt, dass das Marina Sands Hotel mit seinen 55 Etagen, 191 Meter hoch ist und sich die One Altitude Bar im 66. Stock befindet.

Leider kann man nicht in das Gebäude, da es zur Zeit restauriert wird. Dringend notwendig! Aber vielleicht kann ich es ja vor unserer Abreise noch im neuen Glanz sehen. Obwohl das Gebäude seit 2008 unter Denkmalschutz steht, hatte die Regierung in 2016 beschlossen, dass Teile des Gebäudes für die Bauarbeiten an der neuen Metrolinie weichen sollten. Zwar wollten sie alles nach der Fertigstellung wieder aufbauen, aber Denkmalschützer:innen waren zu Recht der Meinung, dass ein Wiederaufbau alles verfälschen würde. Sie haben gewonnen, die Regierung hat sich etwas anderes überlegt.

Weiter ging es in Richtung Little India. Singapur ist ja echt klein. Ich dachte, wir müssten lange laufen, aber schon auf der anderen Seite war die Little India Arcade, mit einer rätselhaften Steintafel. Ich habe recherchiert und recherchiert, kann aber noch nichts finden. Bzw. ich habe etwas über eine Plakette gefunden, aber das ist definitiv eine andere Steinplatte als die, die ich „gefunden“ habe. Was allerdings ein kann, ist dass „meine“ eine ähnliche Herkunft hat, wie die in einem anderen Blog beschriebene.

Wo sich heute die Little India Arcade befindet, war früher ein Friedhof. Es könnte also sehr gut sein, dass die Steintafel ein Grabstein war. Sollte ich noch etwas rausfinden, schreibe ich es. Versprochen! Oder sollte jemand wissen, was auf der Tafel steht …. bitte verratet es mir!

Dann kam mein erstes kleines, persönliches Highlight. Ich wollte mir schon seit ich hier wohne, mit Henna wilde Muster auf die Hand malen lassen. In der Little India Arcade gab es einen kleinen Laden, in dem man das machen lassen konnte. Leider hat es nicht wirklich lange gehalten. Nach nur vier Tagen war schon fast nichts mehr zu sehen. Aber die Dame hatte uns schon gesagt, dass das Henna nicht frisch ist, weil sie keine wegen Covid noch immer zu Lieferschwierigkeiten kommt. ABER, seit heute, 01.04. sind wieder etliche Lockerungen in Kraft getreten. Vielleicht wird es ja bald alles wieder normaler.

Jetzt endlich wollte ich den beiden jungen Frauen, die Tempel zeigen. Meine Strecke bis dahin hatte ich aber so kompliziert gestaltet, dass wir erst ankamen, als die Tempel schon geschlossen waren. Suboptimal, aber immerhin haben wir sie von außen gesehen und ich habe den beiden dann meine Fotos von innen gezeigt.

Noch mal mit einem riesigen Umweg ging es dann auf die Suche nach den Nachttopfklappen. Aber wir haben sie gefunden. Auch von diesen Klappen hatte ich in meinem schlauen „Secret Singapore“ Buch gelesen. Es sind kleine Klappen nur etwa einen halben Meter oberhalb der Straße. Da es Mitte des 19. Jahrhunderts noch keine Spülung gab, nutzen die Menschen Toilettenstühle oder einen Eimer über den sie Holzplanken zum Sitzen gelegt hatten. Jeden Morgen in aller Früh kamen die Fäkaliensammler und konnten sich die gefüllten Eimer dann direkt hinter der Nachttopfklappe holen. Gab es keine Nachttopfklappe mussten sie im Zweifelsfall einmal quer durch’s Haus. Die dreckigen, vollen Eimer deckten sie mit einem Deckel ab und ersetzten sie durch saubere.

Die vollen Nachttöpfe balancierten die Fäkaliensammler an den äußersten Enden langer Stöcke auf einer Schulter – wie Milchmädchen – durch die Straßen. Entweder direkt zu einer nahelgelegenen Plantage, wo sie sie als Dünger verkauften oder zu einer von 32 Sammelstellen, wo Trucks standen, in die alles geleert werden konnte.

Unglaublich aber wahr. In einigen Teilen Singapurs wurde bis in die späten 1980er noch die Nachttöpfe von Fäkaliensammler geleert. Es muss noch recht viele dieser Klappen geben. Es lohnt sich also, sich mal in den Gassen hinter den Shophouses umzuschauen. Ich werde auch mal schauen, ob ich noch ein besseres Foto machen kann. Auf meinem muss man schon wissen, was ich zeigen will. Hinter den Zwiebeln – das ist die Klappe!

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. kormoranflug sagt:

    Ziemlich fortschrittlich, meine Großeltern hatten den Nachttopf im Nachtkästchen aufbewahrt und mussten diesen am Morgen selbst entsorgen.

    Gefällt 1 Person

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