Tempel Donnerstag

Am vergangenen Wochenende waren wir mit Freunden in einer Gegend von Singapur, die wir tatsächlich noch nicht kannten. Tolle Bars, tolle Restaurant, aber was mich noch mehr begeisterte: ein super spannender Tempel. Den wollte ich mir noch mal genauer anschauen. Also war am vergangenen Donnerstag Kultur angesagt.

Start und Treffpunkt mit Dörte war der älteste chinesische Tempel Singapurs – der Thian Hock Keng Tempel. Erbaut ist der Meeresgöttin Mezu gewidmet. Hier beteten die Seeleute, bevor sie in See stachen. Hier bedankten sich Hokkien Immigranten für die überstandene Überfahrt vom chinesischen Festland nach Singapur. Auf den ersten Blick etwas erstaunlich, denn der Tempel steht gefühlt mitten drin. Auf der Rückseite Shophouses, vor dem Eingang ein modernes Hochhaus neben dem anderen. Wenn man sich aber die Geschichte des Tempels anschaut, die auf den Wandmalereien auf der Rückseite des Tempels erzählt wird, sieht man, dass der Thian Hock Keng Tempel, als er erbaut wurde, direkt am Wasser stand.

Um den Tempel zu betreten, muss man über eine relativ hohe Schwelle steigen. Jetzt könnte man denken, dass die dort ist, um das Wasser abzuhalten. Dem ist aber nicht so. Die Chinesen glauben, dass Geister sich nur schlürfend voran bewegen. Wenn dem tatsächlich so ist, schleichen hier in Singapur und in Shanghai super viele Geister durch die Gegend! Auf jeden Fall glauben sie, dass diese schlürfenden Geister die Füße nicht hoch genug bekommen, um über die Schwelle zu kommen. Wir haben es über die Schwelle geschafft und wurden mit einem superschönen Tempel belohnt.

Der Tempel ist in erster Linie ein taoistischer Tempel, als wir aber im hinteren Bereich auf eine Gottheit mit unheimlich vielen Armen stießen, war ich dann doch etwas verwirrt. So eine hatte ich noch in keinem chinesischen Tempel gesehen. Für mich sah das hinduistisch aus, also habe ich gefragt und bekam eine super ausführliche Antwort: Der Tempel ist, wie viele Tempel außerhalb Chinas, nicht auf eine Religion festgelegt, sondern vereint in sich mehrere Religionen. In diese Fall: Buddhismus, Taoismus und Konfuzionismus.

Die Göttin mit den vielen Armen ist aber nicht, wie ich dachte hinduistisch, sondern gehört zum ostasiatischen Mahayana-Buddhismus und ist die weibliche Bodhisattva des Mitgefühl Guan Yin, die im Volksglaube als Göttin verehrt wird. Wieder was gelernt.

Der Tempel bietet aber noch so viel mehr als „nur“ die verschiedenen Glaubensrichtungen. Das Dach ist ein typisch chinesisches Dach mit filigranen Drachenfiguren als „Dachreiter“. Die Decke wird gehalten von bunten kunstvoll bemalten Dachbalken. Überall finden sich vergoldete oder auch bunt bemalte Holzschnitzereien. Die Säulen sind mit Steinschnitzereien verziert – meistens Drachen. Auf den Türen finden sich Gottheiten. Alles in allem, ein Tempel, bei dem einem die Augen überlaufen. Ich war nur begeistert.

Um mal ein Gefühl für die Stadtentwicklung Singapurs zu bekommen, ging es nach dem Besuch des Tempels in die Singapur City Galerie. Auch dies ein Tipp unserer Freunde. Und was soll ich sagen. Wir hätten noch STUNDEN hier verbringen können. So interessant und toll aufbereitet. Das Modell zeigt zwar noch einen kleinen Teil von Singapur, aber es zeigt, sehr schön, wie es in Zukunft aussehen soll. Man sieht, all die Hochhäuser, die schon errichtet worden sind, aber auch die, die noch errichtet werden sollen.

Was mir bisher auch nicht so bewusst war, ist wie „flach“ Chinatown ist. Aber das Modell zeigt es. Hinter dem riesigen Condominium „The Pinnacle“ stehen noch hunderte von Shophouses. Auf einer Art „Wimmelbild“ habe ich dann noch etwas entdeckt, was Diana und ich in der nächsten Woche noch erkunden müssen. Auf dem Bild steht in einer Sprechblase „Ich bin ein Berliner!“ Genau dort befindet sich ein Teil der Berliner Mauer. Mal sehen, ob wir das finden.

Nach so viel Kultur hatten wir Hunger. Also ab ins Maxwell Hawker Center zum Michelin Star Hainan Chicken. Gestärkt ging es dann in den nächsten chinesischen Tempel. Den Buddha Tooth Relikt Tempel – ein riesiger buddhistischer Tempel inklusive Museum mitten in Chinatown, der erst 2007 erbaut wurde. Seinen Name hat der Tempels seiner Reliquie zu verdanken, die im Herzen des Tempels in einer Stupa aus purem Gold ausgestellt ist: der linken Eckzahn Buddhas, der von seinem Scheiterhaufen in Kushinagar, Indien, gerettet wurde.

Während wir einfach in den Thian Hock Keng reinlaufen konnten, mussten wir vor dem Betreten dieses Tempels die Beine und die Schultern verdecken. Gut, dass ich ein langes Kleid anhatte, somit sahen nur meine beiden Begleiterinnen lustig aus. Mit ihren braunen Baumwollwickeltüchern um die Hüfte und nicht unbedingt passenden, bunten großen Schals um die Schultern.

Teilweise kam ich mir in dem Tempel vor wie in dem goldenen Keller in Shanghai. Der Tempel zieht einen in den Bann. Wohl auch deshalb, weil es überall nur so von Mönchen wimmelt, die damit beschäftigt waren, entweder Opfergaben entgegen zu nehmen oder den Innenraum des Tempels mit Kerzen, Opfergaben und anderen Devotionalien zu schmücken.

Links und rechts sind an den Wänden hunderte von Buddhafiguren bis unter die Decke aufgestellt. Immer mittig eine große Figur und außen rum noch mal hundertfach die gleiche Figur in klein.

Leider darf man im Tempel nicht fotografieren, aber schaut es Euch mal im Internet an.

Mit dem Fahrstuhl gelangt man in die 4. Etage. Dorthin, wo sich hinter Glas der Raum befindet, in dem der linke Backenzahn Buddhas aufbewahrt wird. Auch hier waren die Wände wieder voll mit Buddhafiguren. Hier habe ich dann auch gelernt, dass jedem chinesischen Sternzeichen eine Gottheit zugeordnet wird. Dörte und Diana sind gleich alt und somit beide Pferd. Ihre Gottheit: Seishi Bosatsu. Eine echt schöne Gottheit, die die Kraft der Weisheit darstellt. Ich bin ein Hahn, meine Gottheit ist Fudō Myō-ō. Ein richtig häßlicher Typ mit asymmetrischen Augen und schiefen Zähnen. Kein Wunder, dass er im indischen, tibetischen und chinesischen Buddhismus nicht beliebt ist. Da bringt es auch nichts, dass er in Japan als der bedeutendsten Mantra-König gilt. Immerhin steht er für Standhaftigkeit und Weisheit. Das hat mich dann schon wieder etwas versöhnt.

Im Dachgarten sind wir dann noch auf eine riesige Gebetsmühle gestoßen. Wunderschön bemalt und weil ich mir nicht sicher war, ob man die Mühle wirklich drehen konnte, habe ich es mal probiert …. Puh, bin ich erschrocken. Ich habe keine fünf Zentimeter gedreht und schon hat das Ding angefangen zu klingeln. Damit aber noch nicht genug. Keine Sekunde später, Polizeisirenen. Aber das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Ich hätte weiterdrehen können.

Leider war Tempel Nr. 3 geschlossen. Aber ich habe noch immer Hoffnung, dass dieser ganze Corona-Wahnsinn hier auch bald vorbei ist und das Leben normaler wird. Denn obwohl die chinesischen Tempel für die Öffentlichkeit geöffnet sind, viele andere sind es nicht. Zumindest nicht für Touristen.

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