In Kambodscha fließt das Wasser rückwärts

Nach zwei Tagen extrem–Tempel-touring ging es am Mittwoch zu den Häusern auf Stelzen und den schwimmenden Dörfern auf dem Tonle Sap. Ich hatte unsere Führerin gebeten, uns an einen Ort zu bringen, an dem nicht so viele Touristen sind. Eine komische Bitte, wenn man bedenkt, dass im Augenblick nur knapp 100 Touristen pro Tag nach Siem Reap kommen. Ein Prozent dessen, was hier normalerweise ankommt.

Unsere Führerin hatte Kompong Khleang ausgesucht. Wirklich um die Ecke von Siem Reap ist der See nicht. Deshalb mussten wir heute leider auf das TucTuc verzichten und mit dem Auto fahren. So haben wir aber noch mal einen ganz guten Eindruck davon bekommen, wie es außerhalb der Stadt aussieht.

Da es hier während der Monsunzeit immer wieder zu Überschwemmungen kommt, stehen fast alle Häuser auf Stelzen. Bei den meisten ist nur der obere Bereich geschlossen, aber nicht alle sind aus solidem Stein. Eigentlich nur die wenigsten. Die meisten haben Wände aus Holz, Wellblech oder sogar nur Tüchern. Im unteren, offenen Bereich steht nur wenig. Mal ein Tisch mit Stühlen, aber immer hängen dort die hier so beliebten Hängematten. Es scheint, als gehöre eine Hängematter zur Grundausstattung eines jeden Kambodschaners. Überall, wo man eine Hängematte aufhängen kann, hängt eine Hängematte. Zwischen den Bäumen, quer gespannt unter dem Dach des TucTucs, in den Restaurants und an den öffentlichen Picknickplätzen neben dem Tisch, viele Verkäufer:innen hängen an ihren Verkaufsständen in der Hängematte und, wie gesagt, unter jedem Haus.

Das Fortbewegungsmittel der Wahl ist hier das Moped. Offiziell dürfen nur zwei Personen mit einem Moped transportiert werden. Aber ähnlich wie in China, scheint es auch hier ein Sport zu sein, so viele Menschen oder so viel Ware wie möglich auf einem Moped zu transportieren. TucTuc sind hier übrigens auch anders. Es sind eher Kutschen. Nur dass vorne dran kein Pferd sondern lediglich Pferdestärken gespannt sind. Wirklich schlau, denn so kann das Moped wahlweise auch mal ohne Anhang genutzt werden.

Verkehrsregeln gibt es sicherlich, aber für Außenstehende sind sie nicht erkennbar. Sowohl unser TucTuc- als auch unser Taxifahrer wurden an Kreuzungen einfach langsamer. Alle anderen auch und es klappt. Wer stehen bleibt, scheint hier verloren zu haben.

Kompong Khleang ist mit 60.000 Einwohner:innen die größte Ansiedlung am Tonle Sap. Die Menschen hier leben vom Fischfang und Reisanbau. Fische können sie das ganze Jahr über fangen. Reis bauen sie während der Trockenzeit an. Wie wichtig der Fisch ist, sieht man in fast jedem Haus. Überall werden Fische aufgespießt und zunächst an der Sonne getrocknet und später geräuchert. Oder die Fische werden in riesigen Bottichen zu Fischpaste fermentiert. Wer keine Fische fängt, sammelt Muscheln. Diese kleinen Muscheln werden dann mit Salz und Chilli mariniert und in der Sonne „gekocht“. Wir hatten die Muscheln schon an zahlreichen Straßenständen gesehen. Hier in Kompong Khleang werden sie tonnenweise aus dem See geholt und weiterverarbeitet.

Der Großteil der Menschen wohnt hier in bis zu zehn Meter hohen Stelzenhäusern. Es ist schon irre. Während der Trockenzeit laufen die Menschen einfach zu Fuß von einem Haus zum nächsten. Wenn der See sich während der Regenzeit zu seiner vollen Größe „entfaltet“, können sie nur noch mit dem Boot einkaufen oder  ihre Nachbarn besuchen. Die Straße ist dann komplett unter Wasser. Nur der Markt liegt erhöht und somit wohl immer im Trockenen. Aber dennoch. Zum Markt geht es dann auch nur mit dem Boot.

Nach unserem kleinen Spaziergang durch den Ort, ging es auf’s Boot. Der Fluss ist gerade auf seinem niedrigsten Stand. Die Häuser von unten zu sehen, wie sie da auf einem geordnete Wirrwarr von Stelzen stehen, ist absolut beeindruckend. Aber nicht nur die Häuser auch der Fluss und der See sind beeindruckend, denn während der Regenzeit – Mai bis Ende Oktober – verfünffacht sich die Fläche des Sees von 2500 Quadratkilometern  Fläche während der Trockenzeit auf 12.500 Quadratkilometern  während der Regenzeit. Damit ist der Tonle Sap der größten Süßwassersee Südostasiens.

Das ist aber noch nicht alles. Während der Regenzeit verändert der Tonle Sap Fluss seine Fließrichtung. Dann fließt nämlich fließt das Wasser nicht mehr aus dem See, sondern in den See. Der Grund: Die Schneeschmelze in den umliegenden Gebirgen und der viele Regen lassen den Mekong so gewaltig ansteigen, dass dieser das Wasser quasi zurückdrängt. Dies hat zur Folge, dass alljährlich knapp 10.000 Quadratkilometer rund um den Tonle Sap überschwemmt werden.

Über diesen faszinierenden Fluss ging es für uns zwischen Fischernetzen und Wasserlinien durch in Richtung See, denn dort, direkt an der Mündung liegt eines der schwimmenden Dörfer. Immer wieder kamen uns kleinere Boote mit einer Affengeschwindigkeit entgegen oder überholten uns. Jede:r hat hier ein Boot. Die einen größer, die anderen kleiner. Je nach dem, wofür es eingesetzt wird. Die kleinen sind der Mopedersatz der Menschen am und auf dem Wasser, die größeren sind für den Fisch- bzw. Muschelfang oder auch für den Transport und wenn es sein muss auch, um gleich ein ganzes Haus umzuziehen.

Im schwimmenden Dorf angekommen, hat mich am meisten erstaunt, dass das Dorf alles bietet, was jedes andere Dorf auch bietet. Es gibt hier einen Supermarkt, eine Polizeistation, eine Art Gemeinderaum, selbstverständlich ein Büro der Volkspartei, der einzigen Partei Kambodschas, und eine Schule. Der Tempel oder zumindest ein kleiner Schrein steht auf Stelzen am Fluss. Fest installiert also. Die Arztpraxis ist ein Boot. Hausbesuche scheinen hier also die Regel und nicht wie bei uns die Ausnahme zu sein.

Und wer jetzt meint, die Menschen wären hier von aller Zivilisation ausgeschlossen, der täuscht sind, denn selbst hier gibt es Fernsehen und auch sonst alles, was man braucht oder eben nicht.

An unserem letzten Abend in Siem Reap haben wir noch einen Kanadier kennengelernt, der hier seit über 20 Jahren jährlich viele Monate verbringt und für die Rotarier Projekte und Stipendiat:innen sucht, die diese dann finanziell unterstützen. Er ist wohl auch schon mehrere Male in Kampong Khleang gewesen, musste aber feststellen, dass die Menschen hier keine Unterstützung wünschen. Ich finde, das zeigt wieder sehr eindrucksvoll, dass unsere Maßstäbe nicht die Maßstäbe aller Menschen sind. Mich bringt das immer wieder zum Nachdenken.

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