Feuer auf dem Friedhof

Es riecht überall nach Räucherstäbchen. Viele Gräber sind frisch geputzt. Auf den meisten davon steht (noch) vor der Tafel mit den Namen der Verstorbenen etwas zum Essen – immer dabei Orangen. Auf dem hinteren Teil vieler Gräber flattern kleine bunte Zettelchen. Vor fast allen Gräbern liegen Aschehaufen. Einige rauchen noch vor sich hin, andere sind erloschen. Und immer mal wieder fliegt einem Papiergeld vor die Füße.

Wir haben den idealen Tag für einen Besuch auf dem Bukit Brown Friedhof gewählt. Am 106. Tag nach Neujahr – nach dem chinesischen Kalender – findet das Qingming-Fest statt. Das ist zwar nicht der heutige Tag (bzw. letzten Sonntag), aber die Vorbereitungen finden bereits statt. Für die Chines*innen ist es der wichtigste Tag im Jahr, um den Toten zu gedenken. Für diesen Tag werden die Gräber sauber gemacht und Nahrungsmittel. und Blumen auf die Gräber gelegt. Dazwischen Räucherstäbchen. Vor der Gräbern werden große Mengen Papiergeld verbrannt. Manche Tote bekommen zusätzlich zum Geld Autos, Yachten, Kleidung, Schuhe, Computer und noch so einiges mehr. Alles selbstverständlich aus Papier. Alles sieht täuschend echt aus. Überall in der Stadt kann man (nicht nur jetzt) diese kleinen Papierkunstwerke kaufen. Indem die Gegenstände verbrannt werden, sollen sie den Vorfahren zur Verfügung gestellt werden. Die Vorfahren sollen so freundlich gestimmt werden, denn sie sind es, die die Geschicke ihrer Nachkommen leiten. Viele Gläubige essen an diesem Tag nur kalte Speisen.

Die Singapurianer*innen müssen sich, wie wir festgestellt haben, bei den Vorbereitungen für Qingming allerdings einigen Herausforderungen stellen. Angefangen beim Fegen. Einfach mal mit dem Besen drüber, ist da nicht. Hier wächst einfach alles wie „Unkraut“. Gräber fegen bedeutet hier daher eher Gräber frei schneiden. Manche müssen sogar mit der Machete freigeschlagen werden. Zumindest auf dem alten chinesischen Friedhof – dem Bukit Brown Friedhof, der gefühlt mitten im Urwald liegt und für mich einer der schönsten Friedhöfe überhaupt ist.

Da wir so viel wie möglich sehen wollten, sind wir immer wieder rechts und links vom Weg ab. Mal auf einem Trampelpfad mitten in den Urwald rein, mal über ein schmales Brett, das über einen kleinen Bach gelegt wurde und in einen hinter dichten Bäumen versteckten Bereich des Friedhofes führt. Leider konnten wir nicht erkennen, von wann die Gräber stammen, da es sich um den alten chinesischen Friedhof handelt, sind die meisten Gräber mit chinesischen Schriftzeichen beschriftet. Nur auf wenigen stehen die Angaben auch auf Englisch. Ich habe aber gelesen, dass hier seit fast 50 Jahren niemand mehr begraben wurde. Um genau zu sein, seit 1973. Viele, die hier Gräber pflegen, kennen die dort Begrabenen nicht mehr.

So auch die Angehörigen, die dieses Grab gefegt und hier Opfergaben dargebracht haben. Wir kamen hier gerade noch rechtzeitig vorbei, um von ihnen zu erfahren, dass es das Grab der Urgroßmutter ist, um das sie sich hier gekümmert haben.

Die andere Herausforderung sind die Affen, die es hier selbstverständlich auch zahlreich gibt. Eigentlich kümmern sich die Menschen nicht so wirklich um die Affen. Man lebt friedlich nebeneinander her. Aber an Qingming lassen dann doch weder die Menschen noch die Affen mit sich spaßen. Verständlicherweise sind die Opfergaben auf den Gräbern eine sehr willkommene kulinarische Abwechslung für die Affen. Verständlicherweise wollen die Menschen aber nicht, dass die Affen das essen, was für die Vorfahren gedacht war. An einer Stelle auf dem Friedhof konnten wir eine ältere Chinesin dabei beobachten, wie sie in ihrem Rollstuhl auf dem Weg ständig hin und her fuhr und mit einem Stock versuchte, die Affen zu vertreiben. Nicht, dass das die Affen gestört hätte. Sie schwangen sich durch die Bäume in die Nähe der besten Mahlzeit, schauten die Möchte-Gern-Vertreiberin müde an und holten sich einen Snack oder ließen sich gemütlich am „gedeckten Tisch“ nieder.

Der Bukit Brown Friedhof ist riesig. Unterteilt in vier große Bereiche finden sich hier über 100.000 Gräber. Darunter die letzte Ruhestätte von zahlreichen für Singapur sehr bedeutende Menschen. Darunter auch das Grab von Oh Sian Guan ( Gründer der Overseas-Chinese Banking Corporation (OCBC) Bank), Tan Boo Liat (Philanthrop), Ong Boon Tat (Gründer des New World Amusement Parks), and Lee Hoon Leong (Großvater des von Lee Kuan Yew). Selbstverständlich sind die Gräber dementsprechend groß und bieten noch einiges mehr als nur eine Gedenktafel. Hier stehen die unterschiedlichsten Steinskulpturen: Löwen, Engel, Wächter.

Ein ganz bekanntes Grab ist eines, das von zwei Sikhstatuen bewacht wird. Wie auch in Shanghai kamen Anfang des 19. Jahrhunderts viele Sikhs aus Pungjap, Indien, nach Singapur, um hier als Polizisten zu arbeiten oder als Soldaten zu dienen. Nicht verwunderlich, denn auch hier in Singapur waren die Briten an der Macht und da man schon in Indien gute Erfahrungen mit Sikh Polizisten und Soldaten gemacht hatte, wurden sie auch hier gerne genommen. Kein Wunder also, dass viele Singapurianer*innen Statuen von Sikhs an ihren Gräbern aufstellen ließen. Es muss noch zahlreiche mehr geben, die aber nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Da es aber nicht mein letzter Besuch auf diesem Friedhof war, werde ich sie noch mal suchen.

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