Kirchentour in Zeiten von Corona

Gestern wollte ich es wissen. Ich habe meinen Mann gezwungen, mit mir auf Entdeckungstour zu gehen. Er glaubt doch tatsächlich, dass Alex und ich Spaß haben, wenn wir zusammen durch Shanghai ziehen. Dass es sich dabei um harte Recherchearbeit handelt, wollte er nicht wahr haben. Bisher. Gestern habe ich ihn eines besseren belehrt.

Ich hatte eine Radtour ausgearbeitet, auf der wir acht Kirchen würden besichtigen können. Alle, die meinen Blog verfolgen, werden jetzt wahrscheinlich schon vor Mitleid mit meinem Mann zerfließen. „Der Arme! Die Frau verfährt sich doch nur!“ Aber nein. Ich kann Euch alle Lügen strafen. Ich habe mich nicht verfahren. Ich kam bei jeder Kirche an. Ohne Umwege. Selbst bei den ganz versteckten. Das Problem lag an einer ganz anderen Stelle.

Pure Heart Kirche

Unser erstes Ziel war die „Pure Heart Church“ – ehemals bekannt als „The First Presbyterian Church of Shanghai„. Sie zu finden war relativ einfach. Es gibt ein großes Schild, das auf die Kirche hinweist. Sie gehört angeblich zu den innovativsten Kirchen Shanghais.

Erstmals errichtet wurde sie 1860 von vier Missionaren. Untern ihnen Reverend Lowrle von der nordamerikanischen presbyterianischen Mission. Um die Kirche herum, eröffneten der Missionar John Marshall Willoughby Farnham und seine Frau im darauffolgenden Jahr das Lowrie Institut, auch bekannt als das Qingxin Shuyuan. Während des Krieges kümmerte man sich hier um vertriebene Kinder und um die Kinder lokal ansässiger Christen und der Name der Kirche wurde in Qingxi Church geändert.

Auf Initiative von Rev. Li Hengchun wurde die Kirche aus dem Institut gelöst. Mit Spendengeldern wurde ein Stück Land gekauft und mit dem Bau der Kirche an ihrem heutigen Standort begonnen. Am Neujahrstag 1923 konnte der erste Gottesdienst in der neu errichteten Kirche stattfinden.

Während der Kulturrevolution war die Kirche geschlossen, war aber 1979 Chinas zweite Kirche, die ihre Pforten wieder für Gläubige öffnete. 1992 wurde sie grundsaniert.

Leider konnten wir sie nur von außen anschauen. Wegen Corona sind noch immer viele Kirchen geschlossen. Ich hoffe aber sehr, dass ich, wenn dieser ganze Corona-Spuk vorbei ist, noch mal die Gelegenheit bekomme, reinzugehen.

St. Francisco Xavier’s Kirche

Unser nächstes Ziel lag nur etwa einen halben Kilometer entfernt – in Richtung Bund. Als wir in die Straße einbogen, war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob es diese Kirche wohl noch geben würde. Um es gleich vorweg zu nehmen. Es gibt sie noch, aber man kann sie nicht besuchen. Sie liegt mitten in einer gigantischen Baustelle. Um sie herum werden mindestens sechs, wenn nicht mehr, Hochhäuser gebaut und die Kirche selbst scheint auch Bauarbeiten unterzogen zu werden.

Die St. Francisco Xavier’s Kirche, auch bekannt als Dongjiadu Kathedrale, ist die einzige Kirche Shanghais im spanischen Barock. Ihr Vorbild: die Il Gesú Kirche der Jesuiten in Rom Im Jahr 1853 von spanischen Jesuiten erbaut, ist sie die erste von Ausländern errichtete katholische Kirche.

Leider war es unmöglich, die Kirche zu besichtigen, aber sie muss wirklich einen Besuch wert sein. So soll es in ihrem Innen Gemälde bekannter westlicher und chinesischer Künstlern geben, Maria und Joseph in lokaler chinesischer Kleidung, aber auch die Fassade muss sehr schön sein. Zumindest sehen die Fotos toll aus. Ich bleibe dran!

Kirche der unbefleckten Empfängnis

Station Nummer drei sollte mein persönliches Highlight werden. Eine Kirche ganz in der Nähe des Yu Garden. Sie ist nur wenigen bekannt, aber denen, die sie kennen, ist sie auch als „Die alte Katholische Kirche“ oder „Jingyi Kirche“ bekannt. Mitten in einer Gegend, die komplett renoviert wird, steht diese ältestes noch erhaltene katholische Kirche Chinas. Eine Kirche, die mehr aussieht wie ein traditionelles chinesischen Wohnhaus mit dem für diese Häuser typischen schwarzen Satteldach. Tatsächlich ist das Gebäude, in dem sie sich befindet, ursprünglich der Hauptraum der privaten Residenz von Pan Yunduan, einem hohen Beamten aus Sichuan und Besitzer von Yuyuan Garden, gewesen. Erbaut im Jahr 1553. Der Legende zufolge war der Raum geschmückt mit vergoldeten Dekoelementen und Alabasterschnitzereien.

1640 wurde das Holzhaus von Francesco Brancati, einem italienischen Jesuiten und Missionar, erworben und in eine Kirche umfunktioniert.

Je näher wir unserem Ziel kamen, desto flauer wurde es mir im Magen. Die Regierung Shanghais würde doch nicht dieses, in meinen Augen oder zumindest meiner Recherche zufolge, grandiose Gebäude abgerissen haben?! Und nein! Sie hat es nicht abgerissen, es steht aber leider am Ende eines etwas längeren Gangs und am Anfang des Gangs ist ein mit einem Hängeschloss verschlossenes Gittertor. Wir konnten also auch diese Kirche nicht näher inspizieren. Auch an dieser werde ich wohl dranbleiben müssen. Am Tor hing zwar ein „Brief“ der Shanghaier Regierung, aber darauf steht nur, dass ein Kindergarten, der sich in diesem Komplex befunden hat, sein Gebäude räumen muss. Ob und wann man die Kirche wieder besuchen kann, steht nicht da. Also werde ich auch da dran bleiben müssen.

Meinen Mann verließ langsam die Lust, aber wir hatten ja noch nicht mal die Hälfte der Kirchen besucht. Um ihn bei Laune zu halten, habe ich eine kleine Planänderung vorgenommen. Ich habe Kirche Nr 8 auf Platz 5 vorgezogen und ihm eine schöne Kaffeepause versprochen. Versprochen, getan!

St. Joseph’s Kirche

Diese Kirche, auch bekannt als die „Yangjingbang Kirche“ gilt als die Urmutter vieler Kirchen in Shanghai. Sie ist die ältestes noch erhaltene, gotische Kirche mit einer einzigen Glocke.

Ganz ursprünglich stand hier der Andachtstempel der Zhang Familie. Aus dem Tempel wurde dann zunächst die Residenz des katholischen Bischofs und später das erste französische Konsulat. 1861 errichtete der französische Jesuit Louis Helot hier ein kleines Haus, der Vorläufer der heutigen St. Joseph’s Kirche.

Während der Kulturrevolution wurde eine Zwischendecke eingezogen und die Kirche in eine Kofferfabrik umgewandelt. Da die Kirche jetzt von der arbeitenden Bevölkerung genutzt wurde, entging sie der Zerstörungswut der Rotgardisten. Noch immer gibt es einige der ursprünglichen Fenster. Der geschnitzte Holzaltar ist allerdings zerstört worden.

Auch diese Kirche konnten wir nur aus sicherer Entfernung anschauen. Auch sie war geschlossen. Corona lässt grüßen. Jetzt werde ich wohl mal an einer Messe teilnehmen müssen. Ist sicherlich auch interessant. Ich werde berichten.

Jetzt also meine Planänderung und weiter zu Kirche Nr 8 auf meiner Liste.

Hongde Kirche

Die im Jahr 1928 eingeweihte Hongde Kirche ist die einzige noch existierende Kirche im klassisch chinesischen Renaissance Stil und gleichzeitig die erste Niederlassung Prebytanischer Missionare aus den USA in Shanghai. Ihr Beiname Fitch Memorial Church geht auf den Prebytanischen Missionar und Leiter der Presse der Amerikanisch-Presbytanischen Mission George F. Fitch (1845 – 1923) zurück.

Anlässlich des aufkommenden Nationalismus im China der 1910er und 1920er Jahre, war es der christliche Gemeinde wichtig, eine Kirche zu errichten. Nicht im Stil westlicher Kirchen, sondern mit einem Dach im traditionellen chinesischen Stil sowie mit aus den Wänden herausragenden, tragenden Vorsprüngen  und Simsen, wie man sie auch in chinesischen Kaiserpalästen aber eher selten in Kirchen findet.

Ob wir in die Kirche rein kamen? Wir haben es erst gar nicht versucht. Erstens war der Kaffeedurst zu groß und zweitens waren wir uns sicher, dass wir auch hier nicht reinkommen würden.

Nach einer ausgiebigen Kaffeepause, ging es weiter zur (vor)letzten Kirche auf meiner Liste. Eine habe ich kurzerhand von der Liste gestrichen, da sogar ich zugeben musste, dass es eine lange Tour gewesen war und die Culture Street, in der sich die Hongde befindet durchaus noch einiges zu bieten hatte und so etwas mehr Zeit in Anspruch nahm.

Moore Memorial Kirche

Ich war schon diverse Male an dieser wunderschönen Backsteinkirche vorbeigefahren. Sie liegt ganz in der Nähe des People’s Square und somit mitten in der Stadt. Dass sie mal die größte Kirche Chinas gewesen war, hatte ich nicht gewusst.

Erstmals errichtet wurde sie von dem amerikanischen Missionar C. F. Reid an der Kreuzung Hankou Road und Yunnan Road in 1887. Ihren Namen erhielt die Kirche aufgrund der großzügigen Spende von J. M. Moore, der damit an seine Tochter erinnern wollte.

Schnell wurde die Kirche zum Zentrum des sozialen Lebens und die Kirchengemeinde wuchs an auf über 1200 Mitglieder im Jahr 1925. Zu viele für das damalige Kirchengebäude. Eine neue Kirche musste her. Mithilfe von Spenden konnte 1929 die Kirche an ihrem heutigen Standort – dort, wo früher die McTyeire Mädchenschule gestanden hatte, die auch die berühmten Song Schwestern besucht hatten – errichtet werden. Ihr Architekt – Laszlo Hudec, der ungarische Architekt, von dem ich schon öfter berichte habe. Mit Platz für mehr als 1.200 Gläubige war sie die damals größte Kirche Chinas. Jeden Tag gab es hier Aktivitäten für Kinder und Erwachsene. Zahlreiche Großveranstaltungen, darunter Charityveranstaltungen und Fortbildungsprogramme fanden hier statt. In der Kirche gab es sogar eine Schule für Frauen sowie eine Abendschule. Dafür genutzt wurden unter anderem Teile der ehemaligen Schule, die Hudec in die Kirche integriert hatte.

Während des zweiten Weltkriegs nutzen die Japaner es als Hauptquartier ihrer Militärpolizei und während der Kulturrevolution wurde sie in eine Schule umfunktioniert. Erst 1979 wurde sie wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt.

Genug Kirchen, genug Geschichte. Von hier aus ging es am Suzhou River zurück nach Hause und mein Mann weiß jetzt, wie anstrengend meine (Recherche)Tage sind.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Höchstinteressant. Danke Nicole für diesen Bericht 🙂

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