Wet markets – so viel besser als ihr Ruf

Spätestens seit Corona haben wet markets, insbesondere die Chinas, einen ganz schlechten Ruf. Der Begriff „wet market“ ist schon fast ein Synonym für Covid-19. Das wird den wet markets Chinas aber nicht gerecht. Denn wet market ist nicht gleich wet market. Es gibt sehr viele verschiedene Arten von wet markets und nicht alle wet markets verkaufen das gleiche.

Aber lasst mich mit einer Begriffserklärung anfangen. Der Begriff „wet market“ ist darauf zurückzuführen, dass die Böden in diesen Märkten oftmals nass sind, weil die Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Ware waschen und weil die Marktböden am Ende des Tages mit dem Schlauch gereinigt werden. Er kommt aber auch daher, dass auf diesen Märkten „nasse Dinge“ wie Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und manchmal auch lebende Tiere verkauft werden. Also im Großen und Ganzen das gleiche wie ein Wochenmarkt. Ja, es gibt auch Märkte, auf denen wilde Tiere verkauft werden, aber die sind äußerst selten. Ich habe so einen noch nicht gefunden. Weder in Shanghai noch in Guilin, wo ich selbstverständlich auch auf einem Markt, einem der typischen Bauernmärkte, war und etwas Obst eingekauft habe. Die Bauern verkaufen hier an bestimmten Tagen in der Woche ihr am Morgen frisch geerntete Obst und Gemüse und das Fleisch ihrer Tiere.

In Shanghai gibt es an fast jeder Ecke einen wet market. Mal ist es ein kleiner Laden, wie „meiner“ direkt bei uns um die Ecke. Der Laden ist maximal zwei Meter breit, dafür aber um so tiefer. In den Regalen an den Seiten und in der Mitte stapelt sich das Gemüse und etwas Obst. Es gibt hier alles, was man für die chinesische Küche braucht. Lange Bohnen, grüner Spargel, Knoblauch, Ingwer, Kürbis, Zucchini, Tomaten, chinesische und „normale“ Gurken und noch so vieles mehr. Je nach Saison. Selbstverständlich gibt es hier aber auch Eier. Im hinteren Bereich steht ein großer Korb, aus dem man sich bedienen kann. Eier werden hier nicht in Eierkartons verkauft, sondern man nimmt sich so viele wie man braucht und packt diese in eine Plastiktüte. Am Ausgang wird alles gewogen und dann wird wahlweise bargeldlos mit Alipay, WeChatPay oder hier sogar noch bar bezahlt. Jedes Mal, wenn ich dort einkaufe, frage ich mich, wie der Laden bei den Preisen überleben kann. Aber es hier auch immer voll. Die chinesischen Ayis schieben sich gemeinsam mit mir durch die zwei Gänge und beobachten immer wieder verwundert, was ich denn da so alles einkaufe.

Es gibt auch wet markets, die eigentlich gar nicht den Namen „market“ verdienen. Das ist dann einfach eine ausgebreitete Plane, auf der die angebotene Ware liegt. Dieser Verkaufsstand wird morgens auf- und abends wieder abgebaut.

Und dann gibt es noch die ganz großen wet markets. Hier gibt mehrere Stände. Stände, die ausschließlich Obst und Gemüse anbieten. Alles ordentlich sortiert und ansprechend drapiert. Jeder Apfel, jede Apfelsine, jeder Pfirsich und jedes andere Obst, das leicht Schaden nehmen kann, einzeln in ein dickeres Schutznetz gepackt. Mülltechnisch vielleicht nicht optimal, aber daran wird ja bekanntlich gerade gearbeitet.

Stände, wo man unterschiedliche Nudelarten finden kann. Dicke Nudeln, dünne Nudeln, runden Nudelteig für Dumplings, quadratischen Nudelteig für Frühlingsrollen. Oftmals kann man im hinteren Bereich dieser Nudelstände noch sehen, wie der Teig vor Ort zubereitet wird.

Es gibt Stände mit den unterschiedlichen Tofuarten. Seidentofu, der hier seinem Namen alle Ehre macht. Kein Vergleich zu dem Seidentofu, den man in Deutschland bekommt. Es gibt aber auch getrockneten Tofu oder geräucherter Tofu. Nicht zu vergessen, die unterschiedlichen Fleischstände. Einer für Schweinefleisch, einer für Rindfleisch und natürlich einer für Hühner- und/oder Entenfleisch. Die Besonderheit hier: Es wird nicht nur das Fleisch verkauft, sondern alles. Von den Füßen über die Gedärme und Innereien bis zum Kopf/Schnabel. Sogar das Blut wird gestockt und für die Suppe verkauft. Ekelig? Auf den ersten Blick, ja. Auf den zweiten muss ich zugeben, dass ich es bewundernswert finde. Wenn das Tier schon sterben muss, dann sollte man es auch komplett verwerten. Die Chines*innen zeigen uns, dass das möglich ist.

Auf einem jeden wet market gibt es selbstverständlich auch einen Eierstand und hier zeigt sich, wie viele verschiedene Eiersorten es gibt und was man daraus machen kann. Denn zum einen werden hier frische Eier verkauft, aber es werden eben auch die hundertjährigen Eier oder die Teeeier verkauft. Keine Mahlzeit in China scheint ohne Eier auszukommen. Spätestens auf einem wet market wird einem das klar.

Je nach Größe des Marktes findet man auf einem wet market noch Stände mit Kräutern und Gewürzen, Tee und andere mit Saucen. Egal welches Gericht man kocht, man braucht stets eine große Auswahl an Gewürzen und selbstverständlich Öl, Sojasauce und oftmals auch Essig oder Austernsauce. Auf den ganz großen wet markets gibt es sogar eingelegtes Gemüse – Knoblauch, Pilze, Rettich, Gurken, Bambus.

Die wet markets in China sind aber so viel mehr als nur die Möglichkeit zum Einkauf von Lebensmitteln. Kürzlich habe ich dazu einen sehr aufschlussreichen Beitrag einer Chinesin gelesen. Sie schreibt, dass in einem China, in dem sich alles so schnell modernisiert, ein wet market den Menschen eine gewisse Stabilität, eine Kontinuität gibt. Eine Verbindung zu ihren Traditionen, aber auch eine gewisse Erdung. In China lebt noch immer 70 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft.

Wet markets sind aber auch „Begegnungsstätten“. Hier kommt man täglich hin, um für die verschiedenen Mahlzeiten einzukaufen. Hier trifft man sich, um den neuesten Tratsch auszutauschen. Man hat seine bevorzugten Verkaufsstände, an denen man schon mit Namen begrüßt wird. Das ist etwas ganz anderes als in einem großen Supermarkt einzukaufen, von denen es hier selbstverständlich auch zahlreiche gibt.

Und last but not least sind die wet markets die Arbeitsstätte von mehreren tausenden von Menschen, wenn nicht sogar Millionen. Wichtig für die Menschen in großen Städten wie Shanghai, aber auch für die Menschen auf dem Land, die hier, wie beispielsweise in Guilin, ihre Ware direkt anbieten.

Spätestens seit Covid-19 sind weltweit die Rufe laut geworden, dass die wet markets in China schließen sollten. Ja, die Kühlkette, insbesondere bei so leicht verderblicher Ware wie Fleisch, ist nicht immer gegeben. Es ist aber das eine, zu fordern, dass die wet markets komplett geschlossen werden und das andere ist eine Forderung nach zum Beispiel einer geschlossenen Kühlkette beim Verkauf von Fleisch.

Covid-19 hat seinen Ursprung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf einem wet market in Wuhan gehabt, aber … auf diesem Markt wurden auch Wildtiere verkauft. Das ist eher die Ausnahme als die Regel. Medienberichten zufolge hat die chinesische Regierung den Verkauf von wilden Tieren für den Verzehr vorübergehend verboten und arbeitet jetzt an einem Gesetz, um den Verkauf komplett zu verbieten. Ein Gesetz, welches die meisten Chines*innen ganz sicher unterstützen. Aber wie das eben so ist mit Traditionen. Die meisten lassen sich nicht so einfach über Nacht durch ein Gesetz verdrängen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s