Ein Sonntag in Shanghai

Es sollte eine Radtour an die Mündung des Yangtze werden. Leider war die Sicht so schlecht, dass wir kurzerhand beschlossen, daraus eine Kulturtour zu machen. Was letztendlich daraus wurde, war ein Tag am West Bund, wie ihn so viele Shanghainese machen, sobald das Wetter es erlaubt.

Grundsätzlich sind Sonntage hier ganz anders als bei uns in Deutschland. Alle Geschäfte haben ganz normal geöffnet. Ich muss mir nie Gedanken darüber machen, ob noch genug Milch im Haus oder ausreichend Obst für den sonntäglichen Obstsalat vorhanden ist. Ist gerade etwas nicht mehr da oder habe ich es, wie eigentlich immer, wieder vergessen, einzukaufen, können wir (meistens mein Mann) noch schnell um die Ecke und nach maximal zehn Minuten steht alles auf dem Tisch. Aber nicht nur die Lebensmittelläden haben auf. Alles ist geöffnet. Wer in Shanghai Geld loswerden möchte, dem bietet sich immer die Möglichkeit.

Gefühlt alle anderen findet man in den Grünanlagen der Stadt. Uns auch. Uns, das waren Susanne, Andreas, mein Mann und ich. Start war 12:00 Uhr mit den Fahrrädern an der Fuxing Fähre. Da wir zum einen uns den chinesischen Gewohnheiten immer mehr angleichen – um spätestens 11:30 Uhr fängt jede*r hier an, an das Mittagessen zu denken – und zum anderen nicht mit leerem Magen in ein Museum gehen wollten, haben wir kurzerhand beschlossen, erst mal essen zu gehen. Alex hatte mir von einer niederländischen Bäckerei erzählt. Da musste ich hin. Praktischerweise liegt die Bäckerei in einem Innenhof, in dem sich zahlreiche Restaurants befinden. Aber erst mal zur Bäckerei. Schauen, wie viel Platz ich für all das leckere Gebäck aus Holland lassen muss. So richtig viel habe ich dann aber leider nicht entdeckt. Aber das wichtigste war da: „gevulde koek“! Ein mit Marzipan gefüllter sehr großer Keks, bzw. sehr kleiner Kuchen. Unglaublich lecker! Fanden leider alle. Denn ich zwinge niemanden, sie zu essen. Ich esse sie bereitwillig alleine. Ich hätte also definitiv doch alle kaufen sollen. Es soll hier auch noch Poffertjes geben. Ich komme also wieder!

Nach dem Mittagessen ging es weiter zum Long Museum. Schon von außen konnten wir beobachten, wie Besucher*innen einzeln vortraten, um ein Gemälde mit dem nötigen Sicherheitsabstand zu betrachten – Abstand zu den anderen Menschen. Nicht zum Gemälde! Dazu hatten wir keine Lust. Denn zum einen hatten wir noch keinen Kaffee getrunken und wir wollten ja den „gevulde koek“ noch essen und zum anderen war die Atmosphäre vor dem Museum genial. Überall Jugendliche auf Skateboards, dazwischen Kinder auf Segways aller Art, Federballspielen Paare und natürlich unzählige Brautpaare und junge Chines*innen, die bereitwillig für in erster Line ältere, aber auch den einen oder anderen jüngeren Männer mit großen Kameras posierten.

Wir haben uns also einen Kaffee geholt und uns mit diesem auf den Rasen mit direktem Blick auf den Huangpu und seine Schiffe, aber auch auf all die anderen Menschen, die um uns herum mit Freund*innen und Familie gepicknickt haben, gesetzt. Außer uns hatten alle anderen entweder ein Zelt und/oder eine Decke dabei. Obwohl überall Schilder stehen, dass man keine Zelte aufschlagen darf. Das interessiert hier aber niemanden. Zu einem guten Sonntagsausflug gehört ein Zelt. Was in den Zelten ist, hat sich mir noch nicht erschlossen, aber ich glaube, dass sie hauptsächlich für die Kleinen sind, die darin einen Mittagsschlaf halten. Wahrscheinlich ist in den Zelten aber auch das Essen. Denn ohne Essen geht in China nichts. Wir wundern uns immer, wie man bei so viel essen, so schlank bleiben kann.

Besonders angetan hatte es uns ein junger Mann in zartem Orange, der zig Mal mit seinem Sitzsack an uns vorbei rannte, um diesen mit Luft zu füllen. Auffallend viele Chines*innen haben eine eher unrunde Art zu rennen. Wir haben schon unzählige Male darüber philosophiert, warum das so ist. Zu einem befriedigenden Ergebnis sind wir noch nicht gekommen.

Und immer wieder schön, die Schiffe und Kutter, die in allen Größen und Formen auf dem Huangpu an uns vorbeifuhren. Bei einem waren wir uns ganz sicher, dass er noch vor unseren Augen kentern würde. Allerspätestens als ein riesiges Containerschiff an ihm vorbeifuhr. Sein Bug war so tief im Wasser, dass es eigentlich nicht mehr zu sehen war. Aber … es passierte glücklicherweise nicht.

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