Schulmädchen im Schlachthof

1933, noch vor der Machtergreifung der Kommunisten, entstand in Shanghai das damals größte Schlachthaus Asiens.

Weil mein Mann während der Woche arbeiten muss, ist es meine Aufgabe, mir für die Wochenenden sehenswerte Ziele auszusuchen. Dieses Wochenende war die Wahl auf das 1933, wie es schlicht heißt, gefallen. Um den Ausflug mit ein wenig körperlichen Betätigung zu verbinden, mit dem Fahrrad. Ich hatte die Adresse rausgesucht, meine App angeschmissen und los ging’s. Das Navi und ich sind uns nicht immer so grün. Weil ich nicht immer die gleichen Wege fahren möchte, weiche ich gerne mal von der Route ab. Das Navi verliert mich dann leider. Dieses Mal ging’s. Am Ziel angekommen, sah es aber definitiv nicht nach einem Schlachthaus aus. Eher nach einem Krankenhaus. (Alle eventuellen Assoziationen eurerseits weise ich zurück!) Gerade noch so stolz, mit dem Navi zurechtgekommen zu sein, war ich plötzlich verwirrt.

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Anfängerinnenfehler! Ich hatte die Straße falsch geschrieben. Offensichtlich war ich mir meiner Sache zu sicher gewesen. Statt „Liyang“ hatte ich „Liyuan“ eingegeben. Ich finde, das war von den Buchstaben her schon ziemlich nah dran. Leider liegen die Straßen aber nicht nah beieinander. 45 Minuten später waren wir dann am richtigen Ziel. Aber obwohl es ein riesiges Gebäude ist, sind wir fast dran vorbei gefahren. Es steht nicht direkt an der Straße und springt einen daher nicht wirklich an.

Entworfen von dem britischen Architekten Andrew Balfour ist das im schaurige schönen Gotham-Deco Stil erbaute Gebäude aus Beton, Glas und Stahl weltweit das einzige noch erhaltene seiner Art. Von außen ist es schon gigantisch. Betritt man es, meint man sich in einem Gemälde von M.C. Escher verlaufen zu haben. Vier Etagen, 26 Brücken, vier Veranden, diverse Rampen, offene und verborgene Treppen und spiralförmige Aufgänge und über 300 gotische Säulen. Alles so designt, dass sich hier tausende Arbeiter ihren Arbeitsplatz und Millionen Rinder den Tod finden konnten.

Die Gitterfenster sind so konstruiert, dass eine optimale Luftzirkulation gewährleistet ist. Die Wände sind 50 Zentimeter dick und hohl von innen und sorgen für eine optimal Temperatur. Die „Luftbrücken“, über die das Vieh getrieben wurde, verjüngen sich, um den Rinderstrom zu kontrollieren. Der Bodenbelag der Rampen ist rau, damit das Vieh selbst dann Halt finden konnte, wenn der Boden verdreckt war. Die von den Wegen abzweigenden mannbreiten Auf- und Abgänge waren für den Fall gedacht, dass ein Rind aus der Menge ausbricht und drohte einen Arbeiter plattzutreten.

Das Gebäude hat aber nicht nur praktische Aspekte. Der Architekt hat auch zahlreiche dekorative Art Deco Elemente integriert. Es lohnt sich, sowohl die Fenster und die „blühenden“ Säulen näher zu betrachten. Das ehemalige Schlachthaus hat aber auch ein religiöses Element: Alle Fenster sind gen Westen ausgerichtet. In die Richtung des heiligen Landes der Buddhisten. Der Reinkarnationsprozess der Rinder sollte so unterstützt werden. Das Ganze hatte aber selbstverständlich auch einen praktischen Nutzen. Der Wind in Shanghai bläst in aller Regel so, dass er mit westwärts gerichteten Fenstern den Schlachtgeruch davontrug.

Heute ist der Schachthof kein Schlachthof mehr. Nachdem es seit den 1970er Jahren bis 2002 als Lagerhalle und Medizinfabrik genutzt worden war, ist er heute ein Kulturzentrum. Ich hatte gelesen, dass es hier zahlreiche Cafés, Restaurants und Boutiquen befinden. Viele haben wir nicht gesehen. Das meiste sah endgültig geschlossen aus. Aber das Café, das wir gefunden haben, hatte was. Auf jeden Fall sehr leckeren Kaffee und noch leckerere Waffeln. Mehr brauchten wir nicht.

Auch interessant: Ein Lokal, in dem ausschließlich junge Frauen waren. Alle trugen eine „girly“ Schuluniform. Wir konnten das wunderbar von unserem Platz im Café beobachten. Erst ging es ganz normal angezogen auf die Toilette und raus kamen Schulmädchen mit Kniestrümpfe, kurze Faltenröcke und Bluse bekleidet.

Außerdem haben wir noch ein Hundecafé entdeckt. Aber ganz ehrlich. Die Architektur des Gebäudes ist so beeindruckend, dass man wirklich keinen weiteren Grund braucht, um sich das 1933 anzuschauen.

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