Der Bund und seine Geschichte(n)

In der vergangenen Woche habe ich mal wieder an einem Walk teilgenommen. Patrick, unseren Guide und Gründer von Historic Shanghai, hatte ich erst letzte Woche persönlich kennengelernt. Er steckt voller Wissen und kennt nicht nur die historische Seite der Stadt, sondern auch noch all die andere interessante Details, die eine gute Führung ausmachen. Ich war also sehr gespannt darauf, was ich lernen würde. Gelernt habe ich so viel, dass ich nicht alles erzählen kann. Aber das ein oder andere Highlight will ich Euch nicht vorenthalten.

Der Walk war entlang der Gebäude am Bund. Für alle, die den Bund noch nicht kennen. Der Bund ist der Bereich direkt am Fluss. Auf der Puxi Seite, also westlich des Flusses. Von hier aus hat die Geschichte Shanghais ihren Lauf genommen.

Unseren Walk startete bei Haus Nr. 1. Ein wunderschönes Gebäude, das leider schon seit vielen Jahren leer steht. Da aber alle Gebäude am Bund der Regierung gehören, scheint kein besonderer Druck zu bestehen, Mieter*innen zu finden. Wie diesem Gebäude geht es übrigens mehreren Gebäuden am Bund. Darunter auch eines, das vor zehn Jahren für die World Expo gebaut wurde. Es sollte als Informationszentrum für ausländische Touristen dienen. Leider wurde es nicht rechtzeitig fertig. Also bewacht der Wächter seit zehn Jahren eben ein leere Gebäude.

Von der Bar zum ersten KFC zurück zur Bar

Interessanter ist das Gebäude Nr.2. Das heutige Waldorf Astoria. Ganz ursprünglich befand sich hier der erste Britische Club und somit der erste ausländische Club Shanghais. Zutritt hatten selbstverständlich nur Männer. Frauen waren lediglich bei Tanzveranstaltungen geduldet. Erbaut 1861 wurde es aber bald schon wieder abgerissen und 1910 durch das heutige Gebäude ersetzt. Auch das neue Gebäude beherbergte den Britischen Club und bot den Herren alles, was man damals so brauchte: Ballsäle, Raucherzimmer, eine riesige Bibliothek und natürlich eine Bar. Die Long Bar.

Wir hatten Glück. Wir konnten in die Bar und bekamen so einen Eindruck davon, wie es hier früher gewesen sein muss. Denn glücklicherweise wurde die Bar nach einigen Umwegen wieder zur Bar.

Aber von vorne: Die Long Bar, benannt nach ihrem 33,5 Meter langen Tresen, war das Herz des Clubs. Schon die Mitgliedschaft im Britischen Club war sehr exklusiv, aber an der Long Bar zeigte sich, wo in der Gesellschaft man stand. Je höher der gesellschaftliche Status, desto näher stand man am Fenster. Als junges Mitglied startete man ganz außen rechts und rückte dann langsam, Jahr für Jahr, immer weiter nach links. Aber die Briten sollten nicht lange Spaß an ihrem Club haben.

Als die Japaner Shanghai im Dezember 1941 Shanghai besetzten war die glanzvolle Zeit des Clubs vorbei. Die Briten mussten den Japanern weichen. Mit der Machtübernahme durch die Kommunisten wurde aus dem ehemaligen Britischen Club der Seamen Club, ausländische Seeleute bewirtete. 1971 zog das Dongfeng Hotel ein, aber auch das sollte nicht lange bleiben, denn das Gebäude, wie so viele historischen Gebäude in der Zeit, wurde immer baufälliger. 1990 wurde aus der ehemaligen Long Bar der erste Kentucky Fried Chicken Shanghais. Bis 1996 war die Fastfoodkette hier ansässig. Selbstverständlich erinnerte die Einrichtung nicht im geringsten an die glorreichen Zeiten. Alles war im typischen KFC Stil eingerichtet. Funktional.

Ende der 2000er, die Regierung Shanghais bereitete sich auf die World Expo 2010 vor, erwarb Hilton Worldwide das Gebäude. 101 Jahre nach seiner Einweihung eröffnete das heutige Waldorf Astoria on the Bund. Das gesamte Gebäude war inklusive der Long Bar renoviert worden und erstrahlt seither im neuen Glanz. Heute kann man wieder an der langen Bar sitzen, gemütlich einen Drink zu sich nehmen und den Jazzmusikern zuhören, die hier allabendlich aufspielen. Kleiner Wermutstropfen für alle, die meinen, zu Bar, Drink und Jazzmusik gehört es, gepflegt eine Zigarre zu rauchen: In der Bar gilt Rauchverbot.

Blumenkübel für die Volksbildung

Überall auf den Gehwege am Bund stehen Blumenkübeln. Egal zu welcher Jahreszeit man hierher kommt, immer sind sie mit farbenfrohen Blumen bepflanzt. Jetzt könnte man meinen, dass die Stadtregierung Shanghais das gemacht hat, damit die Tourist*innen auf ihren Fotos immer noch einen schönen Farbklecks haben und dem ist auch bestimmt so, aber hinter den Blumenkübeln verbirgt sich mehr.

Am Bund befinden sich die besten Restaurants der Stadt. Selbstredend, dass hier alles von Rang und Namen, sei es in der Wirtschaft oder der Politik, ein und aus geht. Viele dieser wichtigen Menschen haben sich gerne bis vor die Eingangstür fahren lassen, was in diesem Fall bedeutete, dass die Fahrer auf den Gehweg fuhren und dort anhielten. Obwohl es verboten war, haben die Polizisten nicht eingegriffen. Wie heißt es so schön? Sag es mit Blumen. In diesem Fall: Sag es mit Blumenkübeln. Seit die Blumenkübel da stehen, kann niemand mehr auf den Gehweg fahren. Niemand muss sein Gesicht verlieren und allen ist geholfen.

Weil die Blumenkübel jetzt schon mal da sind, kann man sie doch auch für die politische Bildung des Volkes nutzen, dachte sich wohl die Regierung. Seither steht auf jedem Blumenkübel jeweils einer der zwölf Grundwerte des Sozialismus chinesischer Prägung: Wohlstand, Demokratie, Kultiviertheit und Harmonie und Freiheit, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit, Vaterlandsliebe, Berufsengagement, Vertrauenswürdigkeit und Freundschaft.

Versteckt und wiederentdeckt

Die Hongkong and Shanghai Bank war mal das höchste Gebäude am Bund und gleichzeitig das größte der Welt. Aber nicht das Gebäude ist die Hauptattraktion, sondern die Mosaikdecke im Eingangsbereich. Leider durften wir rein. Touristengruppen sind während der „special times“, wie die Coronakrise hier gerne genannt wird, nicht erwünscht. Wir konnten aber durch die gläsernen Seitenteile der Tür einen Blick auf das Mosaik werfen.

In der Kuppel sind die zwölf Tierkreiszeichen, wie wir sie kennen, also nicht die chinesischen, dargestellt. Die Wandbilder zeigen die acht Städte, in denen die HSBC Bank damals Niederlassungen hatten: Shanghai, Hongkong, Tokio, London, New York, Bangkok, Paris und Kalkutta. Alles sind Originale.

Mitarbeiter*innen der Bank hatten während der Kulturrevolution die Mosaiken mit Stuck und Farbe bedeckt, um sie vor der Zerstörung durch die Rotgardisten zu bewahren. Alles westliche war während der Kulturrevolution verpönt. Der Plan ging auf. Allerdings vergaß man die Mosaiken über die Jahre. Erst 1997 sollten sie bei Renovierungsarbeiten zufällig wieder entdeckt werden.

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