Wasserstadt statt Künstlerdorf

Eigentlich wollten Alex und ich einen gemütlichen Tag in einer Künstlerstadt etwa eine Stunde außerhalb von Shanghai verbringen. In dem Malerdorf Jinshan leben und arbeiten Künstler*innen aus ganz China. Denen wollten wir mal über die Schulter schauen. Einige ihrer Werke hatten wir am Samstag in der Ausstellung am Strand bereits gesehen. Als wir dann aber da waren, war alles geschlossen. Corona. (Könnt Ihr das auch langsam nicht mehr hören?!)

Aber deshalb gleich aufgeben? Wenn wir schon mal da waren, wollten wir zumindest versuchen, einen Blick auf das Dorf zu erhaschen. Das, was wir sehen konnten, hat uns überzeugt: Sobald es wieder offen ist, werden wir es auf jeden Fall noch mal versuchen.

Am Parkplatz gab es noch ein kleines Highlight für uns. Von streunenden Hunden gut bewachte, getrocknete Fische an der Leine. Eine chinesische Spezialität. Hört sich jetzt nicht spektakulär an, aber es sieht doch immer wieder interessant aus.

Jetzt hatten wir aber dennoch ziemlich viel Tag übrig. Unser weltbester Fahrer schlug vor, nach Fengjing, eine Wasserstadt ganz in der Nähe, zu fahren. Ich dachte, dass ich so langsam alle Wasserstädte gesehen hätte. Aber dem ist definitiv nicht so. Fengjing wird daher nicht die letzte sein, von der ich Euch berichte.

Fengjing liegt ganz im Südwesten von Shanghai und somit konnte ich auf dem Weg dorthin endlich auch mal eine Stadtgrenze sehen. Ich hatte schon gehört, dass aufgrund von Corona es nicht mehr so einfach ist, nach Shanghai rein zu kommen. Jetzt, da ich die Grenze gesehen habe, glaube ich es. Unser Fahrer fand es zwar etwas schräg, dass ich unbedingt ein Foto von dieser Grenze machen wollte, aber wie sonst soll ich sie Euch zeigen?

Natürlich waren auch hier alle Hauptattraktionen aufgrund von Corona geschlossen, aber allein die Stadt ist schon eine Hauptattraktion. Wir haben nichts vermisst. Fengjing ist ein herrlich verträumtes kleines Wasserstädtchen. Zu Beginn der Qing Dynastie war die Stadt berühmt für die Herstellung von Kleidung. Zum Ende der Qing wurde hier Kleie produziert und heute Kunst. Überall an den Wänden finden sich Wandmalereien, Cartoons von Ding Cong and Gemälde Cheng Shifa. Beide Künstler aus dem Malerdorf.

Was dieses Städtchen aber so anders macht als all die anderen Wasserstädte, die ich bisher gesehen habe, ist, dass sie so ursprünglich wirkt. Sie ist nicht überlaufen von Touristen. Jetzt gibt es zur Zeit auch nicht wirklich Touristen in China, aber noch nicht einmal andere Expats waren zu sehen. Die ganze Stadt wirkt so, als würden die Leute hier ihrem ganz normalen Leben nachgehen.

Ganz besonders idyllisch ist es, parallel zur Hauptstrasse, am Wasser entlang zu gehen. Große Teile des Weges sind überdacht. Links und rechts die für China so typischen roten Laternen und jetzt kurz vor den Maifeiertagen selbstverständlich überall auch hunderte chinesischer Flaggen.

Was sich erst mal nicht idyllisch anhört, hatte doch auch etwas idyllisches. Eine Straße mitten in der Wasserstadt wird gerade renoviert. Lange Strecken mussten wir durch eine Baustelle laufen. Über kleinere Gräben in den Straßen waren Holzplatten gelegt, die nicht wirklich vertrauenswürdig aussahen und auch durchaus nachgaben, aber wir hatten Glück. Bis auf kleinere Schaukelpartien ist nicht passiert. Auch interessant: In China wird alles mit Beton gemacht, der in Schubkarren gemischt und dann an Ort und Stelle gebracht wird. Und egal wie groß das Loch ist, das „gestopft“ werden muss. Beton rein und fertig! Wir mussten echt aufpassen, uns nicht in solchen frisch mit Beton gefüllten Abschnitten zu verewigen.

Wie überall reiht sich auch hier in den „Haupt“straßen ein Laden an den nächsten. Aber hier sind es nicht in erster Linie Touristenläden, sondern gibt es noch zahlreiche Läden, in denen man Alltagsgegenstände kaufen kann. Kämme und diverse Rücken- und sonstige-Stellen-am-Körper-Kratzer. Haushaltswaren aus Rattan. Ich war schon einige Zeit auf der Suche nach einer Rattanhülle für eine Thermoskanne. Hier habe ich sie gefunden. Jetzt brauche ich nur noch die Thermoskanne. Außerdem gab es hier Pfannenschrubber aus Naturmaterialen, Fächer, Körbe und diese wunderschönen geflochtenen „Platten“, die gerne zum Trocknen von Lebensmitteln genommen werden, und noch vieles mehr.

Dominant sind aber auch hier die Streetfood Stände und Restaurants. Die besondere Spezialität in Fengjing sind Froschschenkel. Froschschenkel mit weißem Fleisch. Froschschenkel mit dunklem Fleisch. Froschschenkel im Teigmantel und bestimmt noch ganz viele andere Varianten, die wir aber nicht als solche erkannt haben. Selbstverständlich wollten wir sie versuchen. Wir haben auch versucht, sie zum Mittagessen zu bestellen, aber wir konnten uns wohl nicht so wirklich verständlich machen. Wir hatten zwar gesehen, dass viele sich einfach das Essen irgendwo an irgendeinem Stand gekauft hatten und sich dann auch einfach an irgendeinen Tisch, der zu irgendeinem Restaurant gehörte, gesetzt haben. Aber, was soll ich sagen? Wir hatten Hemmungen. Wir waren eh schon eine der Attraktionen im Ort. Unzählige Chines*innen hatten sich schon ohne, dass wir Froschschenkel auf den Tellern hatten, neben unseren Tisch gestellt und ein „Gespräch“ angefangen. Was dann meistens eher ein sich gegenseitig verlegenes Anlächeln in Kombination mit ein paar Brocken Englisch bzw. Chinesisch ist. Aber die meisten sind schon glücklich, wenn wir mit Gesten klar gemacht haben, dass uns das Essen schmeckt. Da wir sowieso noch mal kommen müssen, um uns das Künstlerdorf anzuschauen, werden wir bestimmt auch noch eine Gelegenheit finden, Froschschenkel zu essen. Sollen ja wie Hähnchen schmecken. Ich werde berichten!

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