Die Avocado Lady – Die Tante Emma Shanghais

Die Avocado Lady ist eine Institution in Shanghai. Egal wen man fragt, jede*r kennt sie und fast jede*r war schon mal bei ihr. Zumindest in Expat-Kreisen. Hier trifft man sich zufällig auf einen Plausch. Hier verabredet man sich und manchmal ist es sogar eine Ortsbezeichnung. „Ich wohne ganz in der Nähe der Avocado Lady“ oder „Lass uns bei der Avocado Lady treffen“, heißt es dann.

Ihren Lebensmittelladen in der Wulumuqi Road, mitten in der Former French Concession, übersieht man schnell mal. Denn auf den ersten Blick sieht er aus wie so viele andere Läden in Shanghai. Ein Loch in der Wand, keine Tür, alles sieht etwas durcheinander aus und die Regale sind bis zum Anschlag voll.

Aber die Avocado Lady ist zu Recht auch eine lebende Legende. Bei ihr gibt es alles, was das Expat-Herz dann doch irgendwann einmal vermisst. Eine große Auswahl an Käse, Fleisch und Fisch. Sämtliche Kräuter und Gewürze, die man für die nicht-chinesische Küche benötigt oder einfach nur Oliven, Senf, Marmeladen und Quark. Sollte man etwas vermissen, findet sie es entweder sofort in ihrem „Harry-Potter-Lager“, das unendlich groß sein muss und sich irgendwo um irgendeine Ecke in unmittelbarer Nähe des Ladens befindet, oder sie organisiert es bis zum nächsten Tag.

Ich muss eine Zeit lang so ausgesehen haben, als wäre ich auf der Suche nach jungem Spinat. Jedes Mal, wenn ich kam, wollte sie mir jungen Spinat verkaufen. In meiner Verzweiflung habe ich mich dann irgendwann tatsächlich zum Kauf hinreisen lassen. Danach war’s dann auch ok. Jetzt muss ich immer nachfragen, wenn ich jungen Spinat will.

Trotz ihres Berühmtheitsstatus sind ihre Preise absolut moderate. Ganz anders als zum Beispiel im City Super, wo man auch importierte Lebensmittel kaufen kann, aber dann zu Apothekenpreise. Auch sehr hilfreich: Die Avocado Lady spricht Englisch. Kein Wunder also, dass sich in den zwei engen Gängen des Ladens zu jeder Tages- und Nachtzeit die Expats aus aller Welt aneinander vorbei schieben.

Jiang Qin, wie die Avocado Lady mit richtigem Name heißt, stammt aus Nantong, einer Stadt in der Jiangsu Provinz. Nachdem sie die Schule beendet hatte, wollte sie nicht auf die Universität. Sie wollte ihre Familie finanziell unterstützen, damit ihr jüngerer Bruder aufs College gehen konnte. Also zog sie in den späten 1990ern nach Shanghai und eröffnete hier einen Lebensmittelmarkt. Schon ganz früh hatte sie den steigenden Bedarf an importierten Lebensmitteln erkannt. Immer mehr Expats, aber auch zahlreiche junge, westlich orientierte Chines*innen, waren in die Gegend gezogen. Die Avocado Lady nutzte ihre Chance und spezialisierte sich. Erfolgreich! Es gibt sogar das Gerücht, sie habe ein Apartment am Bund. Einer der wohl teuersten Wohngegenden Shanghais.

Ihren Spitznamen „Avocado Lady“ erhielt sie vor zirka sieben Jahren. Damals war sie eine der ersten, die in Shanghai Avocados verkaufte. Ein französischer Koch, der ganz in ihrer Nähe lebte, hatte sie dazu inspiriert und selbstverständlich gehören Avocados noch immer zu ihrem Sortiment.

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