Schallplatten, Speiseplatten und die Nationalhymne

Mitten im Xujiahui Park (ganz bei uns in der Nähe) steht die „Villa Rouge“. Sitzt man draußen unter den riesigen Bäumen, hat man nicht den Eindruck, mitten in dieser Millionenmetropole zu sein. Man hört keinen Verkehr, sondern Vogelgezwitscher und das kann durchaus laut sein. Die Vögel in chinesischen Parks müssen nämlich allabendlich mit der Musik der diversen Tanz- und Sportgruppen konkurrieren, die sich hier versammeln. Aber dazu mehr an einer anderen Stelle.

Lange bevor in der heutigen Villa Rouge europäische Gerichte der französischen, italienischen und spanischen Küche serviert wurden, war dies der Hauptsitz von Pathé, dem ersten chinesischen Plattenlabels.

Einen ersten Hinweis darauf, findet man schon bevor man das Gebäude betritt. Rechts neben dem Eingang steht eine Schallplattenpressmaschine (wie heißt so ein Ding eigentlich?!) des deutschen Herstellers Neumann. Aber auch im Eingangsbereich und im Restaurant selbst sieht man, dass dieses Gebäude eine musikalische Vergangenheit haben muss. Über stehen Grammophone. An den Wänden hängen Poster und Fotografien berühmter chinesischer Sängerinnen und Sänger, darunter auch Bai Kwong, Gong Qiuxia und Woo Ing Ing. Alle drei nicht nur erfolgreiche Jazzmusikerinnen sondern auch berühmte Filmstars und mit verantwortlich für den großen Erfolg Pathés.

Aber von vorne, denn die Geschichte dahinter ist eine echte Self-made Geschicht. Der jungen Franzosen Labansat hatte Anfang des 20. Jahrhunderts in der Tibet Road in Shanghai einen kleinen Stand eröffnet, an dem er neugierigen Chinesen Schallplatten vorspielte. Man erzählt sich, dass alle, die sich die Platte „Laughing Foreigners“ anhören wollten, 10 Cent bezahlten mussten. Allerdings bekam auch jede*r der/die nicht selbst lachen oder auch nur kichern musste, das Geld zurück. Wie reich Labansat damit wurde, ist nicht überliefert.

Es ist aber bekannt, dass ab 1906 Grammophone in Shanghai immer beliebter wurden. Labansat erkannte den Trend und gründete 1908 gemeinsam mit einem fanzösischen Ingenieur und einem Assistenten die Plattenfirma „Pathé Orient“. Ursprünglich auf Peking Opern spezialisiert, presste „Pathé Orient“ bald auch Platten, auf denen populärere Jazzsongs eben jener berühmter Jazzsängerinnen auf Mandarin zu hören waren.

Ab 1921 befand sich der Hauptsitz von Pathé Orient in der damals neu erbauten, heutige „Villa Rouge“. Im Erdgeschoss war das Aufnahmestudio, in der oberen Stockwerken das Büro und Aufenthaltsräume für die Sängerinnen und Sänger.

In den 1930ern wurde die Plattenfabrik von Columbia Records übernommen und unter dem Namen „China Record Co. Ltd“ wurden jetzt auch Platten der beiden deutschen Label Odeon und Beka gepresst. Den Vertrieb lief weiterhin über Pathé Orient. Aber auch nur für kurze Dauer. Denn noch im gleichen Jahrzehnt ging Pathé an das britische Unternehmen EMI und wurde zu Pathé-EMI.

Mit der der Machtergreifung der Kommunistischen Partei im Jahr 1949 kam das Ende. Pathé bzw. EMI wurde vorgeworfen, Pornografie gefördert zu haben. Laut Mao Zedong war alle Musik, die vor 1949 produziert worden war „Gelbe Musik“. Gelb wurde mit Pornografie assoziiert und Pornografie war verboten. Die Vorwürfe hatten zur Folge, dass ab sofort keine Schallplatten mehr gepresst werden durften. Die Fabrik wurde geschlossen und das Unternehmen stellte alle Aktivitäten ein. Zumindest in Shanghai. Denn 1952 verlagerte Pathé seinen Hauptsitz nach Hongkong, wo es später zu EMI Hongkong umfirmierte und vor einigen Jahren von Universal Music Hongkong aufgekauft wurde.

Die Villa Rouge und die Nationalhymne

Hier, in der Villa Rouge, hat der berühmte chinesische Musiker Nie Er 1935 auch die Musik zur chinesischen Nationalhymne „Der Marsch der Freiwilligen“ komponiert. Der Text stammt von Tain Han, einem in China bekannten Dichter, und war ursprünglich die Filmmusik für den Film „Söhne und Töchter in der Zeit des Sturm“.

Steht auf!
Ihr, die Ihr es ablehnt, Sklaven zu sein.
Mit unserem Fleisch und Blut,
lasst uns eine neue Große Mauer bauen!
Die Völker Chinas haben eine Wendepunkt erreicht,
Jeder muss sich der Herausforderung stellen.
Steh auf! Steh auf! Steh auf!
Millionen Herzen schlagen für einen Gedanken,
Die Gewehrschüsse des Gegners ertragend,
Marschiere voran!
Die Gewehrschüsse des Gegners ertragend,
Marschiere voran! Marschiere voran! Marschiere voran!

In dem Film geht es um die japanische Invasion Nordchinas während des Zweiten Weltkriegs. Zwar konnten die Japaner zurückgeschlagen werden, aber das hat viele Millionen Leben gekostet und bis heute tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Chines*innen hinterlassen.

1949 wurde das Lied zur vorläufigen Nationalhymne erhoben, fiel aber, wie so vieles andere auch der Kulturrevolution zum Opfer. Der Dichter Tain Han war 1966 als Rechtsabweichler verhaftet und für einige Jahre gefangen gehalten worden. Ihm wurde vorgeworfen mit seinem historischen Stück „Xie Yaohuan“ aus dem Jahr 1961 Maos Politik und die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei kritisieren zu wollen.

Erst 1978 durfte die Hymne wieder gespielt werden, hieß nun aber „Der Osten ist rot“ und hatte einem geänderten Text, in dem sich alles um Mao und die Kommunistische Partei drehte. Der Text stammte von dem Bauern Li Youyuan aus der Provinz Shaanxi und die Melodie war einem chinesischen Volkslied entnommen. Nicht viele Menschen wussten von der Textänderung und auch sonst wurde das Lied nicht populär. Nach Maos Tod beschloss der Nationalkongress unter Deng Xiao Ping daher im Dezember 1982, die verläufige Nationalhymne mit dem ursprünglichen Text und der ursprünglichen Melodie zur offiziellen Nationalhymne zu erklären.

Noch gibt es in der „Villa Rouge“ kein Museum. Das soll sich aber bald ändern. Angeblich soll es noch in diesem Jahr eröffnen. Ich bleibe dran!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s