Mord im Art Deco Millieu?

Ich liebe Krimis. Je mehr Morde ich – natürlich nur im Fernsehen – klären kann, umso besser. Kein Wunder also, dass mir diese Geschichten um einen ungeklärten Mordes im Shanghai der 30er Jahre gefällt. Dass ich ihn aufklären werde, bezweifele ich.

Hättet Ihr gewusst, dass Shanghai die Stadt mit den meisten noch erhaltenen Art Deco Gebäuden der Welt ist? Dicht gefolgt von Miami. Tatsächlich stößt man auf Schritt und Tritt auf diesen Baustil aus den 1920er und 30er Jahren. In fast jeder Straße im Gebiet der ehemaligen internationalen Siedlungen stehen Art Deco Gebäude. Es sind so viele, dass sie schon gar nicht mehr auffallen. Dabei sind sowohl die Gebäude als auch die damit verwobenen Geschichten super spannend. Darunter auch die Geschichte um den spurlos verschwundenen französischen Architekten Alexandre Leonard.

Alexandre Leonard, 1890 in Paris geboren, zog es 1921 mit zahlreichen anderen eruopäischen Architekten, Investoren und Geschäftsleuten in die French Concession nach Shanghai. Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft eröffnete er gemeinsam mit seinen beiden Partnern Paul Veysseyre und Arthur Kruze ein Architekturbüro, das bald zum bekanntesten und erfolgreichsten Art Deco Architekturbüros der Stadt wurde. Auf sie gehen Gebäude wie die Chung Wai Bank und das Gascogne aus dem Jahr 1935, die Willow und Dauphine Apartments aus 1936, sowie die Boissezon Appartments zurück.

Ende der 30er Jahre verließen Veysseyre und Kruze die Stadt und Leonard blieb mit seiner Frau Anna Ivanovna Nicolaïva Bowshis zurück. Anna war Russin mit polnischem Pass und seinerzeit eine berühmte Tänzerin. Für Anna entwarf Leonard sein letztes großes Meisterwerk – den Amyron Court. Ein sechsstöckiges Art Deco Apartment Haus, in dem Künstler*innen wohnen sollten. Aber die Geschichte machte Leonard einen Strich durch die Rechnung.

1941, das Gebäude war gerade fertiggestellt, nahmen die Japaner Shanghai endgültig ein und das Vicky Regime – Verbündete der Nazis – übernahm die Macht in der Stadt. 1942 befahl dieses Regime, dass Leonard seine Nationalität, seinen Namen und all seinen Besitztum abgeben solle. Der Grund: Seine „gemischte Ehe“ mit Anna. Anna hatte 1939 aufgrund des Deutsch-Russischen Pakts ihre polnische Nationalität abgeben müssen und war jetzt wieder Russin.

Am 1. März 1946, nur zwei Tage nachdem das französische Regime die French Concession an die Chinesen zurückgegeben hatte, hing ein Zettel an der Tür des Amyron. Jemand forderte die Vertreibung des „Ehemanns der Bowshis“. Man warf ihm vor, hier seit 1942 als Hausbesetzer zu wohnen. Alexandre Leonard ward niemals mehr gesehen. Über seinen Verbleib gab es nur Spekulationen, aber niemand wusste Genaues.

Dennoch kamen nur 25 Tage später, am 26. März 1946, der Generalkonsul Frankreichs und mehrere Offizielle im französischen Konsulat zusammen, um Alexandre Leonards letzten Willen zu verlesen. Es gab allerdings ein klitzekleines, aber entscheidendes Problem: Es gab keine Todesurkunde. Es gab keinerlei Beweis für seinen Tod. Bis heute nicht.

Im Eingangsbereich des Hauses sind ein A und ein L in den Boden eingelassen. Sehr wahrscheinlich die Initialien des Architekten.

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