Mach mir den Wickert!

Kennt Ihr noch das Video von Ulrich Wickert, in dem er uns allen vorführt, wie ein richtiger Franzose, der seine Landsleute kennt, in Paris den Place de la Concorde überquert. Laut Wickert stürzt sich ein solcher todesmutig auf’s Pflaster, ohne die ankommenden Autos zu bemerken. „Wenn doch, dann maximal aus dem rechten Augenwinkel. Dann geht man zügig voran, so dass die Autos um einen herum fahren können. Denn, wenn man nicht hinschaut, dann denken die Autofahrer, sie müssen aufpassen. Wenn man hinschaut, denken die Autofahrer, der kann ja aufpassen.“ Wickert kommt tatsächlich unversehrt auf der anderen Straßenseite an. Ohne, dass jemand gehupt hätte oder in irgendeiner anderen Art und Weise Anstoß an ihm genommen hätte.

Genau so macht man es hier in Shanghai. Der einzige, aber dennoch entscheidende Unterschied: Herr Wickert hat die Straße überquert, ohne einen Zebrastreifen zu nutzen oder eine grüne Ampel zu haben. Ich nutze Zebrastreifen und gehe bzw. fahre los, wenn die Ampel grün ist. Das Ziel fest vor Augen, stürzt man sich auf die Kreuzung oder auch einfach nur auf die Straße. Wer einem anderen Verkehrsteilnehmenden, seien es Autofahrerinnen oder Autofahrer, Menschen auf E-Skootern oder andere Fahrradfahrer*innen, Beachtung schenkt oder gar in die Augen schaut, hat verloren. Dann denkt das Gegenüber nämlich in China genauso wie in Frankreich: „Die sieht mich doch, also ganz offensichtlich passt sie auf.“ Hat man sich erst mal als „Außenseiterin“ geoutet, sollte man nicht mit dem Fahrrad weiterfahren. Das würde einem Selbstmordversuch gleichkommen, denn hier gilt das Gesetz des Stärken.

In den ersten Wochen habe ich beim Überqueren der autobahngleichen Straßen hier mitten in Shanghai immer das Schutzschild des Schwarms genutzt. Das heißt, ich habe mich so an der Ampel aufgestellt, man nennt es auch „chinesisch anstellen“ – so weit nach vorne drängeln, bis es nicht weitergeht – dass ich mittendrin war und bin dann mitten im Pulk aus Radfahrer*innen und E-Skooter über die Kreuzung geradelt. Nach mehr als sechs Monaten fast täglichen Übungseinheiten, kann ich den Pulk jetzt anführen. Allerdings geht es mir auch hier nicht anders als Ulrich Wickert. Ganz wohl ist mir nicht dabei. Ich habe immer ein etwas mulmiges Gefühl. Denn sollte mir etwas passieren, kann ich mich nicht verständigen und ich habe auch schon gehört, dass meine chinesen Mitmenschen hier uns Langnasen lieber liegen lassen, als im Zweifelsfall die Gebühren für den Krankenwagen selbst zahlen zu müssen. Gut, dass alles überwacht wird und an jeder Kreuzung immer mindestens zwei Polizisten stehen. Ich baue mal darauf, dass die im Notfall helfen und zumindest einen Krankenwagen organisieren.

Von Verkehrsregeln und Verkehrsempfehlungen

Glaubt man den Erzählungen langjähriger Expats, war der Verkehr vor ein paar Jahren noch ein heilloses Durcheinander. Zwar gab es Ampeln, aber diese wurden einfach nicht beachtet. Jedes noch so kleine Plätzchen auf der Straße wurde von allen Verkehrsteilnehmenden genutzt. Es wurde laut gehupt und noch viel lauter diskutiert. Seit einigen Jahren versucht nun die Regierung, ihr Volk an Verkehrsregeln zu gewöhnen. Man würde denken, dass das mit all den Überwachungskameras, die kein Fleckchen Shanghais unüberwacht lassen, schnell erledigt wäre. Dem ist aber nicht so. Also müssen zusätzlich zu den Kameras Verkehrspolizisten dafür sorgen, dass eine rote Ampel nicht als eine Empfehlung interpretiert wird, sondern als eine Vorgabe verstanden. Während der Hauptverkehrszeit können dann auch schon mal bis zu fünf Verkehrspolizisten und Polizeihelfer an einer Kreuzung stehen und wild pfeifend den Verkehr regeln. Nicht selten werden Verkehrsteilnehmer*innen, mehr oder weniger freundlich, an den Straßenrand gewunken. Ich habe schon davon gehört, dass ein Polizist ein Foto von dem Erwischten machte und ihm dann zeigte, dass er bereits schon mal bei rot über die Ampel gefahren wäre.

Mit Feinstaubmasken gegen die Gesichtserkennung

Seit ich das weiß, weiß ich auch endlich, warum so viele Chinesen mit Gesichtsmasken im Straßenverkehr unterwegs sind: Die Gesichtserkennung benötigt einige Parameter, um eine Person zu identifizieren. Wenn man jetzt aber eine Gesichtsmaske trägt, kann man nicht wirklich erkannt werden. Manche treiben das sogar noch auf die Spitze, denn einen Grund zum Vermummen gibt es eigentlich immer: Im Sommer ist es die Sonne, die die Haut bräunen könnte und das will niemand. Schon gar nicht die Frauen, also tragen sie Kappen, die sie so weit ins Gesicht ziehen, dass nichts mehr zu erkennen ist. Dann ist da noch die Regenzeit. Gegen den Regen gibt es diverse Capes, Hüte, Kappen oder den originären Regenschirm – ja, man fährt hier mit dem Regenschirm in der Hand Fahrrad aber natürlich auch Moped bzw. E-Skooter. Na ja und wenn es kalt wird, so wie jetzt, hat man noch mehr Gründe, sich zu vermummen.

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