Bettenmarkt und warum eine Decke für zwei reicht

Heute hat Regina mir wieder mal „ihr“ Shanghai gezeigt. Sie verlässt China im Dezember. Für immer. Das heißt, ich muss noch so viel wie möglich von ihr lernen. Heute: Wie man in China Bettdecken und Bettwäsche kauft. Denn man geht hier nicht einfach in einen Laden und kann dort dann zwischen maximal drei verschiedenen Größen wählen. Hier geht man auf den Bettenmarkt und lässt sich die Bettwäsche und die passenden Bettbezüge in der gewünschten Größe nähen.

Wie auf jedem Markt gibt es auch hier unendlich viele Verkaufsstände. Sobald man als Langnase einem solchen vorbei läuft, wittern die Verkäuferinnen und Verkäufer ein gutes Geschäft. Spätestens wenn man anhält, um sich etwas anzuschauen, springen die meisten auf und preisen ihre Ware an. Als quasi Wahl-Shanghainese weiß Regina aber natürlich genau, zu welchem Stand sie will. Wir wollen Seidenbettdecken kaufen. Ja, ihr lest richtig. Bettdecken, die mit Seide gefüllt sind. Bei uns wahrscheinlich unbezahlbar. Hier durchaus erschwinglich.

Dass Regina hier nicht erst zum zweiten Mal hinkommt, ist unschwer an der Begrüßung zu erkennen. Die Chefin läuft uns schon entgegen, als wir um die Ecke kommen. Ich habe schon längst wieder die Orientierung verloren. Es werden kurze Freundlichkeiten ausgetauscht und schon sind Regina und sie beim Geschäftlichen: zwei Seidenbettdecken aus insgesamt einem Kilogramm Seide. Preis wie immer. Los geht’s.

Die Bezüge sind so vorbereitet, dass sie nur noch auf die richtige Größe geschnitten und genäht werden müssen. An der kurzen Seite ist sogar schon ein Reisverschluss. Während eine der Bettendamen also die beiden Bezüge in das richtige Format bringt und näht, bringen die anderen die Seide auf das richtige Format. Es wird gezogen, geschnittenen, mehr gezogen, die einzelnen Lagen über den Tisch gespannt und dann die Lagen übereinandergelegt. Fertig ist das Inlet.

Zum Schluss wird das seidene Inlet in den Bezug eingenäht, alles gewendet und fertig.

Weiter ging es zu den Bettbezügen, denn um eine Bettdecke muss bekanntlich noch ein Bettbezug. Auch hier wird alles vor Ort gefertigt. Man muss sich „nur“ die Stoffe aussuchen. Da aber auch hier die Auswahl erschlagend ist, hört sich das sehr viel einfacher an als es ist. Es gibt Stoffe in jeder erdenklichen Qualität und Farbe. Uni oder gemustert. Die Muster reichen von dezent über „Hello Kitty“ und Blumen, Blumen, Blumen bis hin zu knalleroten Drachen auf knallerotem Untergrund mit dem Zeichen für „Glück“ in glänzendem Gold. Rot ist die Farbe des Glücks und somit brauchen frisch verheiratete auch unbedingt rote Bettwäsche.

Womit wir auch schon beim Thema wären. Denn nicht nur brauchen Ehepaare unbedingt rote Bettwäsche, sie müssen auch unbedingt unter einer Bettdecke schlafen. Mein Mann und ich machen das, seit wir hier sind. Wir hatten also noch keine entsetzte Ayi. Regina schon.

Sie hatten den nächtlichen Kampf um Bettdecke satt. Außerdem braucht sie es nachts nicht so warm, wie ihre Mann. Für mich vollkommen nachvollziehbar. Ab einem gewissen Alter funktioniert der Körper einer Frau nun mal wie ein kleines Kraftwerk. Wir könnten ganz Räume mit einer einzigen Hitzewelle in eine Sauna verwandeln. In diesem Zustand, gepaart mit den durchaus heißen Nächten in Shanghai, ist eine dicke Bettdecke keine gute Idee. Regina hat also zwei verschiedene Bettdecken besorgt: eine dickere für ihren Mann, eine dünner für sich. Die Ayi sollte die Bettdecken austauschen und beziehen. Keine Chance! Sie hat sich geweigert. „Ehepaare schlafen unter einer Bettdecke.“ Basta! „Schläft ein Ehepaar nicht mehr unter einer Decke, kann es sich auch genauso gut gleich scheiden lassen.“ Die Argumentation, dass Regina und ihr Mann schon seit 25 Jahren unter getrennten Bettdecken schliefen und sehr wohl auch Kinder hätten, ließ die Ayi nicht durchgehen. Erst nach dreistündiger Diskussion und einem starken Insistieren von Reginas Seite hat die Ayi schlussendlich nachgegeben. Regina und ihr Mann schlafen seither unter zwei Bettdecken und sind noch immer verheiratet.

Was für Regina und ihren Mann gilt, ist allerdings das eine. Das andere ist, was für den Sohn gilt, der vor einiger Zeit mit seiner Freundin seine Eltern besuchte. Bei den beiden Jungen ist es umgekehrt: sie friert und er kann nicht schlafen, weil es ihm zu warm ist. Also sollten die zwei auch zwei verschiedene Bettdecken erhalten. Auch dieses Mal war die Ayi entsetzt. Die zwei würden doch heiraten wollen. Außerdem wolle Regina doch Enkelkinder. Wie solle das denn passieren, wenn sie nicht unter einer Bettdecke schlafen. Auch dieses Mal gab es wieder eine mehrstündige Diskussion, aber auch dieses Mal siegte Regina. Sollte die Ayi jemals die Geburtenrate in Deutschland recherchieren, dann weiß hat sie definitiv die Erklärung dafür.

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