Die verborgene Bibliothek

In Shanghai werden immer mehr alte Stadtviertel einfach platt gemacht. Zwar gibt es auch Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen, aber vieles von dem, was uns das Alte China zeigt, wird durch Hochhäuser ersetzt – die Bewohner umgesiedelt. Um noch so viel wie möglich von dem alten Shanghai mitzuerleben, nutzen Alexandra und ich jede Gelegenheit, uns Führungen durch diese noch ursprünglichen Stadtteile anzuschließen. Gestern waren wir in Laoximen (was soviel heißt wie „Altes Westtor“). Besonders angetan hat es mir die verborgene Bibliothek. Deshalb bekommt sie einen eigenen Blogeintrag.

Das wohl älteste Haus Shanghais ist die Shu Yin Lou, die verborgene Bibliothek, verborgen hinter einer acht Meter hohen Mauer (77 Tiandeng Nong) inmitten der „Chinesenstadt“ – dem chinesischten und einem der ältesten Stadtviertel Shanghais. Von gut erhalten, kann man hier nicht wirklich sprechen. Der gesamte Gebäudekomplex ist dem Verfall mehr oder weniger freigegeben. Man kann aber noch vieles erkennen.

Empfangen werden wir am Eingang zum Garten von Madame Guo, eine Nachkommin des Guo Clans. Sie gehört gemeinsam mit 27 anderen Nachkommen, die mittlerweile über den gesamten Erdball verstreut wohnen, zu den Erben der Shu Yin Lou, dem ältesten Gebäude in der Tiandeng Nong 77. Madame Guo hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Verborgene Bibliothek vor dem Untergang zu beschützen. Sie bemüht sich seit Jahren darum, dass die Gebäude von den Behörden unter Denkmalschutz gestellt und restauriert werden. Öffentlich zugängig ist die Bibilothek nicht. Man kann sie nur als Teil einer Führung besuchen.

Die Verborgene Bibliothek wurde 1763 von dem Gelehrten und hohen Beamten der Qing Dynastie Chen Suoyun inmitten eines prachtvollen Gartens erbaut. Im Verlauf der Jahrhunderte mussten die ursprünglichen Besitzer aus finanziellen Gründen aber immer wieder Teile des Gebäudekomplexes verkaufen. Aber auch die bewegte Geschichte Chinas hat dazu beigetragen, dass heute nur noch verfallene und verfallende Gebäude übrig geblieben sind.

Der Enkel Chen’s war der erste gewesen, der den Nachlass aufteilen musste. Die Bibliothek ging an Lu Xixiong, der zu einem der bekanntesten Gelehrten der Qing Dynastie werden sollte. Sein Beitrag zu dem Siku Quanshu, der größte Büchersammlung der chinesischen Geschichte und laut Wikipedia wahrscheinlich das ehrgeizigste redaktionelle Unternehmen in der Weltgeschichte, belohnte der Kaiser mit einem persönlichen Geschenk – einem Gemälde mit seiner Signatur.

Die letzten Jahres seines Lebens lebte Lu als Eremit zurückgezogen in dem riesigen Haus. Nur umgeben von seinen Büchern, seinen literarischen Schätzen. Daher auch der Name des Hauses.

Die Familie Guo

In den 1880ern, die Nachkommen Lu’s hatten an Status verloren und waren verarmt, wurde das historische Haus an die neureiche Kaufmannsfamilie Guo aus Fujian verkauft.

Während sich Shanghai außerhalb der Mauern zu einer modernen Stadt entwickelte und die Revolutionäre Aufstände organisierten, hielt die Familie Guo hartnäckig an ihrem immer kleiner werdenden Eigentum fest. Letztendlich aber verloren sie es dann aber doch und während der Kulturrevolution wurde der gesamte Gebäudekomplex zu einer Spielzeugfabrik und Schlafräumen für Arbeiterinnen und Arbeiter umfunktioniert.

Erst nachdem China wieder zur Marktwirtschaft zurückgekehrt war, wurde die Verborgene Bibliothek an die Familie Guo zurückgegeben. Diese war aber mittlerweile verarmt und die historischen Gebäude verfallen.

Madame Guo lebt heute in einem einzelnen Raum inmitten der Anlage. Die anderen Räume sind dunkel und verlassen oder gar verschlossen. Überall stößt man auf Relikte aus vergangenen Jahrhunderten. Im Eingangsbereich finden sich rechts und links wunderschöne Steinschnitzereiern mit Abbildungen von den drei Königen, die ähnlich wie unsere heiligen drei Könige Gaben bringen. An der anderen Seite acht Gelehrte.

Durch Madame Guos Zimmer geht es weiter in den hinteren Bereich. In einem anderen Raum steht auf einem völlig zugestaubten Tisch ein Spielzeugpferd aus Holz. Auf einem anderen einer der ersten Fernseher Chinas. In einem riesigen Raum stapeln sich Holzschnitzereien, die im Verlauf der Jahre von den Wänden abgefallen sind.

Während der World Expo 2010 hatten Beamte der Stadt Shanghai in einem der Räume vier Türen an die Decke gehängt, um einen Eindruck dessen zu vermitteln, wie es vor vielen Jahrhunderten hier ausgesehen haben könnte. Die Türen hängen noch immer.

An einer der Außenmauern ist das Zeichen für „Glück“ zu sehen.

Madame Guo erzählt uns, dass immer mal wieder Kontrolleure der Stadt vorbei kommen und den Zustand checken. Ich kann nur hoffen, dass die Stadt die Verborgene Bibliothek nicht durch einen weiteren Wolkenkratzer ersetzt und Madame Guo mit ihrer Hartnäckigkeit Glück hat.

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