Die Pflichten einer Taitai

In den vergangenen Monaten habe ich mich hauptsächlich darauf konzentriert, das Leben in Shanghai kennen und verstehen zu lernen. Ich weiß jetzt, wo ich die meisten Dinge des alltäglichen Lebens besorgen kann. Weiß, dass ich mich hier nicht nach Kleidung für mich umschauen muss, denn ich finde eh nichts in meiner Größe/Länge. Ich kann schon ein paar Brocken Mandarin. Ob die dann verstanden werden, hängt sehr von meinem Gegenüber ab. Ich habe schon viele nette Menschen kennengelernt und meine Ziele kreise ich immer kleinflächiger ein. Höchste Zeit also für meine nächste Lektion: Das Erlernen der Pflichten einer Taitai. Denn nach chinesischem Verständnis bin ich eine Taitai.

Die eigentliche Bedeutung von Taitai (太太) ist „Frau“ oder „Ehefrau“. Aber nicht die Ehefrau, die sich um Haus und Hof kümmert oder selbst einem Beruf nachgeht. Gemeint ist mit taitai in erster Linie eine Ehefrau, die nicht arbeitet, weil sie meint, es nicht nötig zu haben. Der Begriff ist daher auch nicht immer unbedingt positiv besetzt.

Da Vorurteile dafür da sind, gepflegt zu werden, habe ich mich selbstverständlich und selbstlos dazu bereit erklärt, mich durch eine erfahrene Taitai in „meine Pflichten“ einführen zu lassen.

  1. Lektion: Nicht mit dem Fahrrad und schon gar nicht mit der Metro fahren. Wir lassen uns von Mr. Li abholen und fahren.
  2. Lektion: Nicht auf einen typsichen Markt fahren, wie ich das in den letzten Monaten gemacht habe, sondern auf einen Markt, der hauptsächlich von Expats besucht wird. Hier geht es sehr viel ruhiger zu. Es ist alles sehr viel offener und die Verkäuferinnen und Verkäufer können das eine oder andere Wort Englisch. Eine weitere Besonderheit: Es gibt fixe Preise. Nicht auf allen Märkten, die hauptsächlich von Expats besucht werden, aber auf diesem speziellen schon.
  3. Lektion: Es sich bei einer Massage gut gehen lassen. Wir entscheiden uns für eine Fußmassage, aus der denn eine Kopf-, Nacken- und Fussmassage wurde. Selbstverständlich in einem wunderschönen Ambiente. Ein abgedunkelter Raum, super bequeme Liegestühle, gedämpfte meditative Musik und der Duft von Räucherstäbchen.

Chinesische Massage – nichts für „Weicheier“

Bei der Massage muss ich jetzt wieder etwas ausholen. Denn die Chinesen können massieren. Und wie! Während meine Füße in einem Fußbad stecken, widmet sich mein persönlicher Masseur meinem Kopf. Nach meinem Erlebnis beim Friseur war ich auf eine entspannte Massage vorbereitet. Eine Kopfmassage, deren wohltuendes Kraulen und Kneten mich sanft in den Wohlfühlmodus gleiten lassen würde. Was ich bekam, war eine Massage, die mich, auf der Flucht vor den Fingern, immer tiefer in Richtung Fußbad gleiten ließ. Vom Verlauf her ähnelte die Massage sehr der Massage beim Friseur. Von der Stirn ging es über den gesamten Kopf, mit kleinen Abstechern nach links und rechts runter zu den Schultern. Und zurück. Dann von links nach rechts – und zurück. Und wieder von vorne. Der große Unterschied: Der Griff! Dieser junge Mann scheint, seine Finger nochmals separat zu trainiert. Ich war und bin sehr froh, dass meine Fontanelle schon seit vielen Jahren geschlossen ist und ich auch sonst über einen ziemlichen Dickschädel verfüge.

Nachdem er mit meinem Kopf und den Schultern fertig war, ging es an die Füße. Ich war nur kurze Zeit froh, dass er nicht mehr meinen Kopf bearbeitete. Denn jetzt versuchte ich, seinen Händen zu entfliehen, indem ich im Sessel immer weiter nach oben rückte. Erfolglos. Er hatte meine Füße fest im Griff. Mit seinen durchtrainierten Fingern knetete er meine Fußsohlen akribisch Millimeter für Millimeter durch. Vor der Massage hatte ich noch befürchtet, dass ich die Fußmassage nicht überstehen würde, weil ich unter den Füßen so kitzelig bin. Jetzt befürchtete ich, nie wieder auf diesen Füßen laufen zu können. Da der Raum abgedunkelt war, verschaffte mir mein schmerzverzerrtes Gesicht auch keine Linderung. Niemand konnte es sehen. Er verstand kein Englisch und im Mandarin-Unterricht sind wir noch nicht beim Wortschatz für „Massage“ angelangt.

Nach einer Stunde war der „Spuk“ vorbei und nachdem all meine Knochen sich wieder in Position gebracht hatte, war ich bereit für die 4. Lektion: Gemütliches Essen über den Dächern Shanghais. Sehr lecker. Sehr lustig. Aber selbstverständlich auch sehr heiß.

Nach Hause ging es mit einem Mobike. Immer wieder lustig, wenn man so groß ist wie ich und es definitv kein Fahrrad in dieser Größe gibt. Geschweige denn, darauf eingestellt werden kann. Wer jetzt überlegt, warum Mr. Li uns nicht nach Hause gebracht hat, hat recht mit der Überlegung. Aber, wir hatten Mr. Li „freigegeben“.

Ob ich das Leben als Taitai jetzt als erstrebenswert ansehe? Wohl eher nicht. Aber ich weiß, dass es noch ein paar Lektionen gibt und wer weiß: Immer mal wieder so ein Taitai-Tag. Ihr hört mich nicht „nein“ sagen.

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