Shanghai Women – einem Mythos auf der Spur

Der Ruf der „Shanghai Women“ eilt ihnen voraus. Schon bevor wir hierher gezogen sind, wurde mir erzählt, dass die Frauen hier in Shanghai anders wären. Selbstbewusster. Selbstbestimmter. Emanzipierter.

In einem Buch, das ich zur „Vorbereitung“ gelesen habe, erzählt die Autorin die Geschichte ihres Fahrers, der eine Zeit lang immer übernächtigt und zu spät zur Arbeit erscheint ist. Als Grund gibt er an, dass er, abgesehen von seiner Arbeit, auch noch den Haushalt und seit kurzem auch den Hund versorgen muss. Seine Freundin ist zu ihm gezogen, hat ihren Job geschmissen und sieht jetzt ihre Hauptaufgabe darin, auf dem Sofa sitzend, gut auszusehen.

Auf der Straße habe ich schon viele Männer gesehen, die für ihre Frauen die Handtaschen tragen. Einige interpretieren das als ein klares Zeichen dafür, dass aus diesem Mann nie ein Mann werden kann. Als ein Zeichen für einen unterdrückten Mann. Aber ist das wirklich so?

Ich will es wissen! Ist die „Shanghai Woman“ anders als andere? Oder ist das nur ein Mythos? Und wer weiß das besser, als die Shanghainesen selbst.

Ok, das war ein Fotoshooting, aber es ist so eine schöne Frau!

Ich begebe mich also auf Spurensuche. In der China Daily stoße ich auf einen Beitrag von Chen Weihua aus dem Jahr 2009: „Über die Shanghai Women und ihre Eigenschaften“. Ich habe das mal für Euch übersetzt. Ihr braucht jetzt nicht in Ehrfurcht zu erstarren, der Beitrag ist im Original Englisch, nicht Chinesisch.

Für viele chinesische Männer im ganzen Land bleiben die „Shanghai Women“ ein Mysterium. Verzaubernd und verwirrend zugleich.

In zahlreichen Filmen und auf mindestens so vielen Postern wird die typische Frau aus Shanghai dargestellt als eine Frau, die sich mit einem Cheongsam (typische chinesische Kleidung) herausputzt, nachmittags Kaffee trinkt, Mahjong spielt, zwischen ihren schlanken Fingern eine Zigarette hält und die Nächte durchtanzt – mit ständig wechselnden Partnern, in eleganten Tanzsälen. Wer an eine „Shanghai Woman“ denkt, denkt an Eileen Chang. Eine Schriftstellerin, die während der japanischen Besatzung in Shanghai gelebt hat und über die Liebe und Romanzen während diesen fürchterlichen und surrealen Zeiten geschrieben hat. (…)

Chang und die Frauen in ihren Romanen haben einen tiefen Eindruck in den Köpfen der Menschen hinterlassen. Die Frauen gelten als intelligent, modern, stylisch, elegant, umsichtig und akkurat, fast schon besessen, wenn es um die Details ihrer Kleider und der dazu passenden Accessoires geht.

Man bezeichnet die „Shanghai Women“ auch als „dia“, womit jemand gemeint ist, die so dermaßen freundlich ist, dass man nicht umhin kommt, ihrem Charme zu verfallen oder eingeschüchtert zu sein. „Dia“ wird oft verwendet, um eine Frau zu beschreiben, die absichtlich mit ihrer Weiblichkeit spielt, um sich so das Herz des anderen Geschlechts zu gewinnen.

(…)

„Shanghai Women“ sind aber nicht nur für ihren „Diatismus“ bekannt. Die Männer hier gehen auch davon aus, dass sie anspruchsvolle Partnerinnen sind oder wie man im lokalen Dialekt sagt „zuo“.

Obwohl die richtige Dosis „zuo“ durchaus als akzeptabel, wenn nicht sogar erstrebenswert angesehen wird, insbesondere während der Flirtphase, kann ein übertriebener Anspruch selbst den geduldigsten Mann die Wände hoch treiben.

Der wirtschaftliche Erfolg Shanghais hat Außenstehenden den Eindruck vermittelt, dass „Shanghai Women“ sich ausschließlich für Geld interessieren würden. Mit dem Ergebnis, dass das Image der „Shanghai Women“ in der vergangenen Jahren schlechter und schlechter wurde. Die Klatschpresse liebt es, die „Shanghai Women“ schlecht zu machen und sie als snobistisch, materialistisch und freizügig darzustellen.

Es ist aber absolut falsch, alle „Shanghai Women“ über einen Kamm zu scheren. Es gibt viele verschiedene „Shanghai Women“. Viele sind wohl erzogen, intelligent, tüchtig, elegant und fürsorglich. Aber es gibt auch solche, die tagsüber im Pyjama durch die Stadt laufen, auf den Boden spucken und in der Öffentlichkeit rumschreien und somit sich, aber auch die Stadt, zum Gespött machen.

Die Tatsache, dass die „Shanghai Women“ im ganzen Land so viel Aufmerksamkeit erfahren und Tratsch über sich ergehen lassen müssen, zeigt, dass sie anders sind als ihre Schwestern in anderen Städten.

Die Menschen in den Metropolen des Landes sind schon seit Jahrhunderten die treibenden Kräfte für Modernisierung, so auch die „Shanghai Women“. Während in den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts die Frauen im Rest des Landes noch ans Haus gebunden waren, frohlockten die „Shanghai Women“ am Stadtstrand von Gaoqiao, gingen zur Schule und lernten Fremdsprachen.

Vielleicht ist all das Gute und all das Schlechte, das über die „Shanghai Women“ gesagt wird, nicht übertrieben. Als Mann, der in dieser Stadt aufgewachsen ist, die für ihren femininen Charakter bekannt ist, mag ich die „Shanghai Women“, die intelligent, fähig, stark und gleichzeitig sanft sind. Ich hätte aber auch nichts gegen ein wenig „dia“ oder „zuo“.

Soviel zu der Sicht EINES Mannes auf die „Shanghai Women“. Ich bleibe dran und werde jetzt mal ein paar Männer und Frauen befragen.

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