Das fliegende Pferd

Für alle, die die Geschichte von mir und Martin Walser nicht kennen: Vor eingen Jahren war ich mit Freundinnen auf der Buchmesse. Neben mir ein älterer Herr, der etwas verloren da saß. Ich wollte etwas Nettes sagen. Ich fragte ihn das Naheliegendste. Ob er vom Fach wäre? Autor oder Buchhändler. Die Antwort war ein sehr irritierter, ja schon fast verachtlicher, Blick und ein kurzes: „Autor.“ Ich wollte mehr wissen und fragte ihn, was er denn geschrieben hätte. Ich erntete einen noch verachtlicheren Blick und gar keine Antwort mehr. Zumindest nicht von ihm. Stattdessen zählte eine jüngere Frau, die sich zu uns gesellt hatte, einige Titel auf. Unter anderem „Das fliegende Pferd“. Leider stand ich noch immer auf dem Schlauch und meinte, dass ich mich in deutscher Literatur offensichtlich nicht so auskennen würde. Ich mehr einen Hang zur südamerikanischen hätte.

Meine Freundinnen lagen mittlerweile schon mit Schnappatmungen am Boden – um die Ecke. Als ich dann fragte, wie er denn heiße, deutete er nur auf ein Poster. Ja. Passt. Der Mann auf dem Poster sah aus, wie der Mann neben mir. Vor dem Poster standen aber leider Leute. Ich konnte den Namen nicht lesen. Als ich dann aufstand und den Namen lesen konnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Was diese Geschichte mit Shanghai zu tun hat? Nun ja, ich kenne zwar noch immer nicht das Buch, aber ich habe sie heute gesehen. Sogar mehrere. Fliegende Pferde. Aber von vorne.

Der West Bund

Ich wollte an den West Bund. Ich hatte gehört und gelesen, dass das eine echt hippe Gegend Shanghais sein sollte. Ein Zentrum für Kunst. Mit Museen und zahlreichen Galerien – von bekannten und weniger bekannten Künstlern – zum Teil untergebracht in ehemaligen Öltanks. Tatsächlich ist der West Bund ein ganz außergewöhnlicher Ort. Weitläufig, grün, sehr modern. Vieles, was ich bisher von Shanghai gesehen hatte, war auch modern, grün ist es auch an sehr vielen Stellen, aber an den wenigsten ist es weitläufig. Noch dazu liegt dieses Areal, wie der Name schon vermuten lässt, direkt am Huangpu. Der ideale Ort, um sich mal von der Megastadt zu erholen – den Blick und die Gedanken schweifen zu lassen. Eine Idee, die am Wochenende offensichtlich viele haben. Auf allen Grünflächen entlang der Strecke standen dicht an dicht kleine Zelte. Davor kleine Gruppen – Familien, Freunde, Kinder. Es wurde gegessen, gespielt, sich unterhalten. Auf den Wegen Radfahrer*innen, Skateboardfahrer*innen, Jogger*innen und natürlich viele Spaziergänger*innen. Eben: Leben pur.
Wir beschlossen, am Ufer des Huangpu entlang, wieder in die Innenstadt zu laufen. Insgesamt eine doch etwas längere Stecke und ich glaube, dass mein Mann jetzt auch soweit ist, dass er sich ein Fahrrad kauft. Er meinte wiederholt, dass wir diese Stecke unbedingt noch mal mit dem Fahrrad abfahren sollten. #Läuft!

Ein Himmel voller Drachen

In der Ferne am Himmel zwischen all diesen Hochhäusern – Drachen. Erst einer, dann zwei. Je näher wir den Drachen kamen, desto mehr wurden es und desto besser konnten wir auch verschiedene Formen erkennen. Unter anderem fliegende Pferde.

Aufgelassen wurden sie von einer Art Grasarena aus – eine kreisförmige Grünfläche eingefasst von einer hohen Mauer. Auch hier überall Zelte und davor Erwachsene mit ihren Kindern sowie große und kleine Hunde. Auf den Wegen noch mehr Menschen mit Hunden. Das Treiben ähnelte einem Jahrmarkt. In der Mitte stand sogar ein Karrussell, auf dem Kinder ihren Spaß hatten. Am Rand gab es einen abgetrennten Bereich für große Hunde, wobei im gesamten Bereich sowohl große als auch kleine Hunde unterwegs waren. Und überall Menschen mit einem Gestell um den Bauch – zum Teil sehr großen Winden, auf die viele Meter Drachenleine aufgewickelt waren. Je größer der Drache, desto größer die Winde. Am Ende einer jeden Drachenleine ein spektakutärer Drache: traditionelle Formen, Windspiele, Pferde, Hunde, ….

Drachen haben in China eine sehr lange Tradition. Man geht davon aus, dass bereits im 5. Jahrhundert vor Christus, Drachen den Himmel Chinas bevölkerten. Vor mehr als 2000 Jahren entwickelte im heutigen Shandong der Tischler Mu Zi den ersten, damals noch hölzernen, Schwanz-Ohren-Drachen. Dieser konnte einen Mann in schwindelerregende Höhen tragen und wurde als Aufklärungsdrachen – quasi die Drohne der Antike – genutzt, aber auch um Entfernungen zu messen oder den Feind einzuschüchtern.
Jedes Jahr im Oktober soll in ShenZhen, im Südosten Chinas, eines der schönsten Drachenfestivals weltweit stattfinden. Ich bleibe dran.

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